Seit Jahresbeginn bis Anfang August fiel der deutsche Aktienindex um etwa 18 Prozent. Nicht ganz die Hälfte dieser Einbuße ist inzwischen wieder aufgeholt. Geht man aber von dem im Februar erreichten bisherigen Jahreshöchststand aus, so sind noch runde 15 Prozent auszugleichen. Diese Ziffern sind denjenigen vorzuhalten, die in dem jüngsten Anstieg der Kurse bereits eine „Überhitzung“ sehen.

Davon kann noch keine Rede sein. Einzuräumen ist jedoch, daß die „Hausse“ der letzten Woche nur von wenigen Papieren getragen wurde. Die Masse der Aktien hat sich nur geringfügig nach oben bewegt. Die Anleger von heute, es sind in der Mehrzahl Leute mit Sachverstand, wollen Qualität für ihr Geld. Qualität heißt in diesem Falle die Gewißheit (oder zumindest die berechtigte Aussicht), daß die Unternehmen, deren Aktien sie erwerben, ihre Gewinne zu stabilisieren vermögen beziehungsweise ihre Kosten wieder in den Griff bekommen. Selten ist die Börse ein deutlicheres Spiegelbild der Konjunkturerwartungen gewesen wie heute.

Alle Wertpapierkäufer gehen davon aus, daß die Restriktionsfolgen künftig Gewicht einbüßen werden, weil über die anhaltenden Überschüsse aus der Handelsbilanz eine allmähliche Verflüssigung des Bankenapparates und damit auch der Wirtschaft eintreten wird. Sie vertrauen darauf, daß die öffentlichen Haushalte mit Hilfe des Stabilisierungsgesetzes „in Ordnung“ gebracht werden, so daß die Bundesbank nicht gezwungen sein wird, durch einen noch schärferen Druck auf die private Wirtschaft die Parlamente aller Ebenen an ihre Pflicht zu erinnern, glaubhaft ausgeglichene Etats vorzulegen.

Der Stimmungsumschwung hat bereits zu einer leichten Abschwächung des in der Bundesrepublik extrem hohen Zinses geführt. Schneller als erwartet sind die Rentenkurse gestiegen, obwohl – wie immer wieder versichert wird – die Großanleger ihre Zurückhaltung noch keinesfalls fallen gelassen haben.

Gestützt wurde die stabilere Börsentendenz entscheidend von dem Siemens-Bezugsrecht, dessen Handel ausgezeichnet vorbereitet worden ist und den Aktienmarkt daher bislang nicht belastet hat. Die Bezugsfreudigkeit der „kleinen“ Siemens-Aktionäre ist größer als erwartet, und auch die Inhaber größerer Siemens-Pakete sind nach Möglichkeit bestrebt, die ihnen zustehenden jungen Siemens-Aktien zu übernehmen. Deshalb fiel es bisher nicht schwer, die aus dem Ausland angebotenen Siemens-Bezugsrechte zu placieren. Im Gegensatz zu anderen Kapitalerhöhungen dieses Jahres ist der Kurs der Siemens-Aktien vor und während des Bezugsrechthandels sogar gestiegen! Aber auch hier kann von einer Kursübertreibung keine Rede sein, denn unter Berücksichtigung des Bezugsrechtabschlages wird die Siemens-Aktie immer noch um rund 130 Punkte unter dem diesjährigen Höchststand gehandelt.

Nutznießer des glatten Siemens-Bezugsrechthandels sind die VW-Aktien. Beim Volkswagenwerk beginnt der Bezugsrechthandel am 7. November. Das Bezugsverhältnis beträgt 4:1 zu 225 Prozent. Man glaubt, nach den jüngsten Umfragen davon ausgehen zu können, daß auch die VW-Aktionäre weitgehend bereit sein werden, die ihnen zustehenden Aktien zu übernehmen. Sie brauchen übrigens erst im Januar 1967 bezahlt zu werden.

Man rechnet, daß der Gewinn je VW-Aktie wie im Vorjahr wieder 60 Mark betragen wird und daß, von dieser Seite her betrachtet, die VW-Aktie auch nach den jüngsten Kursheraufsetzungen immer noch zu den billigsten deutschen Aktien zu zählen ist. Mit Unbehagen verfolgt man allerdings in den Börsensälen die Proteste der Automobilindustrie und Verbände gegen die Verringerung der Kilometergeld-Pauschale für Arbeitnehmer, die – falls sie käme und die Folgen tatsächlich so düster sind, wie von den Interessenten vorausgesagt werden – zu schweren Schäden für die Industrie führen müßte. Deutlich wird jetzt gezeigt, wie konjunkturempfindlich diese Branche ist. Ein Grund, warum sich zahlreiche Daueranleger von diesen Papieren fernhalten, solange sie noch Aktien der chemischen Industrie und der Großbanken zu annehmbaren Kursen kaufen können.