Von Robert Gerwin

Als sich die großen elektronischen Rechenmaschinen, die Computer, vor nunmehr zehn Jahren endgültig durchzusetzen vermochten, da schien es nur noch eine Frage weniger Jahre zu sein, bis sie im großen Maßstab als Sprachübersetzer Verwendung finden würden. Der ersten Begeisterung folgte jedoch recht bald eine nachhaltige Enttäuschung. Nicht nur, daß sich die von den Maschinen gelieferten Übersetzungen als unbrauchbar erwiesen. Man mußte auch erkennen, vor einem prinzipiell unlösbaren Problem zu stehen. Der Grund: eine Sprache läßt sich nicht vollständig in ein Gerüst von Regeln einfügen; die Existenz streng logischer Gesetzmäßigkeiten ist aber die Voraussetzung dafür, daß ein Computer fehlerfrei arbeiten kann. So mußte man damals einsehen, daß man einer Illusion nachgejagt war.

Heute wird das Problem der maschinellen Sprachübersetzung wieder positiver beurteilt. Man ist in den Ansprüchen bescheidener geworden und gibt sich mit einer Rohübersetzung zufrieden, die einem mit der Sache vertrauten Leser im großen und ganzen verständlich ist.

Vor vier Jahren begann Max Woitschach bei der IBM-Deutschland in Sindelfingen, unweit von Stuttgart, sich intensiv mit diesem Problem zu beschäftigen. Dabei hatte er keinerlei sprachforscherische Ambitionen. Es ging ihm allein um eine praktisch brauchbare Hilfe bei den vielen Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche, die bei der IBM laufend vorgenommen werden müssen und für die dort im Verlauf eines Jahres Kosten von mehreren Millionen Mark anfallen. Mit drei Kollegen, die alle zunächst nichts von den tieferen Geheimnissen der Sprache wußten, begann dieses Entwicklungsprojekt. Erst später kamen zwei weitere Mitarbeiter dazu, die linguistische Erfahrungen aufzuweisen hatten. Heute kann sich diese kleine Gruppe – zumindest was den praktischen Erfolg betrifft – bei der maschinellen Sprachübersetzung als führend in Europa betrachten. Sie hat für die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche in der Zwischenzeit 78 Unterprogramme erarbeitet, zu denen in nächster Zeit noch zwei weitere Programme hinzukommen. Sie versetzen, den verwendeten Computer in die Lage, alle wesentlichen grammatikalischen Probleme zu lösen. Dazu kommt ein spezielles; auf Magnetband gespeichertes und damit dem Computer zugängiges Lexikon, das zur Zeit 15 000 Wörter umfaßt.

Das Deutsch, das der Computer an Hand dieses Wörterbuchs und der dazugehörigen Programme schreibt, ist zwar ein wenig unbeholfen, doch verstehen kann man es gut. Zum Beispiel übersetzt die Maschine den englischen Satz „Here is an example of the chaining technique“ richtig mit „Hier ist ein Beispiel des Kettenverfahrens“. Bei dem Satz „In some programs, it becomes possible to perform a series of Operations“ hapert es ein klein wenig, denn die Übersetzung lautet „In einigen Programmen, kann es durchführen eine Serie von Operationen“. Doch im Zusammenhang mit dem übrigen Text weiß man natürlich, wie das gemeint ist. Eine solche Übersetzung genügt, um einem Mann mit unzureichenden Englisch-Kenntnissen den wesentlichsten Teil seiner sonst notwendigen individuellen Übersetzungsarbeit abzunehmen. Dabei wird er aber in einzelnen Fällen, wenn der Computer mit einem komplizierten Satzaufbau nur schlecht fertig geworden ist, immer noch einmal im englischen Text nachschauen müssen. Andererseits besteht die Möglichkeit, daß ein Fachübersetzer die von der Maschine unzureichend übertragenen Stellen ausbessert, so daß man dann ohne den gelegentlichen Vergleich mit dem englischen Original auskommt. In diesem Fall ist der Aufwand an menschlicher Arbeitsleistung unvergleichlich geringer, als wenn der Fachübersetzer den ganzen Text vollständig übertragen müßte.

Fragt man Woitschach nach dem Geheimnis seines Erfolges – bei einem Kolloquium im Arbeitskreis Datenverarbeitung der Technisch-Literarischen Gesellschaft war kürzlich Gelegenheit dazu –, dann erhält man eine verblüffend einfache Erklärung: „Wir haben die unrealistische Idee aufgegeben, daß ein Computer eine Sprache vollständig beherrschen müsse, um sie übersetzen zu können. Wir brauchen eine Übersetzungsmaschine für technische Fachliteratur unseres Arbeitsbereichs, also für Probleme der Datenverarbeitung. So haben wir unsere 78 Übersetzungsprogramme und das dazugehörige Fachwörterbuch eng auf diese Fachsprache begrenzt. Sie ist in sich verhältnismäßig logisch und eindeutig. Darum hat es die Maschine nicht besonders schwer und kommt so zu guten Ergebnissen. Bei menschlichen Übersetzern ist es ja im Grunde genommen nicht anders. Auch sie können vielfach nur auf ihrem Spezialgebiet schnell und fehlerfrei dolmetschen.“

Damit ein Computer den englischen Tex: ins Deutsche übersetzen kann, muß dieser Text natürlich zunächst in maschinenlesbarer Form geschrieben werden. Man muß ihn auf Lochkarten übertragen. Danach tritt das Wörterbuch in Aktion. Der Computer schaut nach, ob sich alle Wörter des zu übersetzenden Textes im Wörterverzeichnis befinden. Ist das nicht der Fall, dann werden die betreffenden Begriffe von ihm herausgeschrieben, damit das Wörterverzeichnis entsprechend ergänzt werden kann. Geschieht das nicht, dann fallen die fehlenden Worte darum auch nicht unter den Tisch. Der Computer behandelt sie wie Fremdwörter, für die es keine Übersetzung gibt. So vorbereitet versucht die Maschine zunächst eine wortgetreue Übersetzung, indem sie für jede englische Vokabel im Text die dazugehörige deutsche heraussucht. Dabei ergeben sich natürlich verschiedene Probleme, deren Lösung durch Anwendung der genannten Unterprogramme versucht wird.