Von D. Norton-Taylor

Bei Sotheby’s in London warf Peter Wilson, ein vornehm aussehender Mann mit der Nase eines Geistlichen und dem Blick eines Hypnotiseurs, an einem Nachmittag eine Sammlung mit Pflaster zusammengeklebter Marmortorsen auf den Auktionstisch. Da lagen Bruchstücke von Statuen, geklebte Vasen und ein Sammelsurium anderer Gegenstände, darunter ein phrygischer Helm und die Büste eines geschmacklos dreinblickenden kleinen Jungen, der wohl Nero darstellen sollte. In weniger als einer Minute trieb Wilson das Eröffnungsangebot von 5000 englischen Pfund auf 24 500 Pfund herauf und nach nicht einmal zwei Stunden hatte er die gesamte, einhundertachtzig Einzelstücks umfassende Sammlung für 82 505 Pfund – fast eine Million Mark – an den Mann gebracht.

Mehr noch als die spektakulären Gebote, die in der vergangenen Saison für Werke von Cézanne, Seurat und van Gogh erzielt wurden, unterstreicht dieser Verkauf von Antiquitäten, an denen früher höchstens Museen interessiert waren, wie sehr das spekulative Interesse an der Kunst erwacht ist. Liebe, Leidenschaft und das Verlangen nach Statussymbolen trieben viele der Anwesenden zum Kauf. Aber auch einige ganz nüchterne, geschäftige Händler machten sich über die angebotenen Antiquitäten her – genauso wie sich einige Wochen vorher französisch, deutsch, holländisch und englisch flüsternde Interessenten in einer Auktion von Meissner und Sèvres Porzellan gedrängt hatten. Sie kauften und vermerkten sorgfältig die erzielten Höchstpreise in ihren Katalogen – handelt es sich doch um die Notierung einer Währung, die heute überall akzeptiert wird, sei es in London, Paris, München oder New York, und die vermutlich stabiler ist als das Pfund. Sie besteht aus antiken Statuen, alten Tassen und Untertassen, Silber und Juwelen, Alten Meistern und weniger alten Zeitgenossen.

Heute gibt es Kunsthändler und Antiquitätenhändler zu Zehntausenden in der Welt, angefangen bei den vornehmen Häusern, die vierzig bis fünfzig Millionen Mark im Jahr umsetzen, bis hin zu den kleinen verstaubten Läden entlang den Landstraßen. Ihre Gesamtumsätze reichen jährlich weit in die Milliarden – 40 Milliarden Mark lautet die Schätzung eines Experten. Allein eine Handvoll bedeutender Auktionshäuser auf dem Kontinent, in London und den USA erzielen einen Umsatz von rund 800 Millionen Mark pro Jahr. Das große öffentliche Interesse an ihren Auktionen sorgt dafür, daß die Preise der angebotenen Kunstgegenstände höher und höher getrieben werden. Später werden die einzelnen Stücke dann von den Händlern privat und auch in einem etwas würdevolleren Rahmen mit Preisaufschlägen von zwanzig, fünfzig und hundert Prozent weiterverkauft.

London mit seinen zwei großen Auktionshäusern, Sotheby’s und Christie’s, ist heute das Zentrum des Auktionsfiebers. Mit dem Ende der Saison 1965/66 sank dieses Fieber im Juli für kurze Zeit, um aber schon im nächsten Monat wieder anzusteigen. Sotheby’s, ist führend in London und war es immer, seit Peter Wilson die Leitung der Geschäfte übernahm. Der Umsatz ist doppelt so groß wie der von Christie’s. Seit der Übernahme des berühmten amerikanischen Konkurrenten Parke-Bernet im Jahre 1964 beherrscht Sotheby’s das Geschäft in New York ebenfalls. Der Hammer bei Sotheby’s und Parke-Bernet fiel während der letzten Saison insgesamt über Kunstwerken im Wert von 246 Millionen Mark nieder.

Das Spiel erfordert Gerissenheit und Fingerspitzengefühl. In den meisten Fällen übernimmt das Auktionshaus keinerlei Verantwortung für Mängel und Echtheit des Auktionsgutes. Und es kostet Nerven. Kein anderes Geschäft wird mit soviel Bluff und in so enger Fachfühlung mit der Konkurrenz getrieben. Sotheby’s großer Auktionssaal fast schätzungsweise 400 Personen. Die Interessenten stehen oft so eng aneinander gedrängt, daß niemand weiß, wem der Blick des Auktionators eigentlich gilt. Es ist ein stummer Kampf; der einzige Laut im Raum ist die Stimme des Mannes mit dem Hammer. Ein kaum merkliches Anheben des Fingers kann ein Gebot bedeuten. Ein New Yorker Händler ersteigerte Sir Arthur Sullivans Tagebücher für elftausend Pfund durch rhythmisches Heben seiner Augenbrauen. Ein anderer Interessent scheint mit irgend jemand hinter sich zu flüstern, während er gleichzeitig dem Auktionator mit den Daumen ein Zeichen gibt. Ein Mann, der bislang nur mit der Miene kummervoller Langweile vor sich hingeblickt hat, hebt in dem Augenblick, wo der Hammer niederfallen soll, den Bleistift. Solche Tricks sollen andere Bewerber unsicher machen. Sie sollen dadurch benachteiligt werden, daß sie nicht wissen, von wem und woher die Konkurrenzangebote kommen.

Währenddessen hat der Auktionator sein eigenes Spiel betrieben, das ebenso eine gehörige Portion Bluff enthält. Wilson, das lange Kinn hochgereckt und mit einem Gesicht, das nur so Ermutigung ausstrahlt, lädt bei einem Preis zum Gebot ein, der vielleicht nur ein Fünftel des Wertes beträgt, den er selber dem Objekt beimißt: „Zweitausend Pfund?“, ruft er und bemerkt ein Nicken von A, das ihm zeigt, daß dieser bereit ist, einzusteigen. „Dreitausend“, ruft Wilson und bedeutet B, daß er diesen Preis schon akzeptieren muß, wenn er interessiert ist. Ein Wink von A, und Wilson geht höher, auf viertausend. Er steigert die Gebote jeweils um tausend. Seine Augen huschen durch den Raum. Seine Stimme gleicht einem Metronom: „Fünftausend, sechstausend, sieben...“ Er entdeckt Unschlüssigkeit in den Mienen von A, und um ihn zu ermutigen, erhöht er diesmal das Gebot nur um fünfhundert. Wenn der Kampf erneut aufflammt, vielleicht durch den Eintritt von X, der sich bisher zurückgehalten hat, beginnt Wilson erneut das Gebot um jeweils tausend zu steigern.