Von Gerd Albrecht

Gerd Albrecht ist seit dem 1. August 1966 Generalmusikdirektor in Kassel. Bereits als GMD in Lübeck hat er das durchgeführt, was er „Gesprächskonzerte“ nennt, und unter anderem Kelemens Kantate „Les Mots“ uraufgeführt.

Seit fast zwei Generationen läuft er ab wie ein hartes Tennisspiel – der Kampf um die moderne Musik: hier Wiener Schule, dort Hindemith; hier Kranichstein, dort Kasseler Musiktage; hier Adorno, dort Blume; hier die Pamphlete Melichars, die Skepsis Furtwänglers, Ansermets, dort die dialektisch mit Wonne überspitzten Postulate Stockhausens.

Das anwesende Publikum folgt dem Spiel überaus interessiert – ein sehr eigenartiges Publikum; es ist nicht sehr zahlreich, aber wirklich beteiligt. Da laufen die Kritiker und holen Bälle, einige Spezialmoderndirigenten wechseln den Komponisten die Schläger, das Netz spannt ein Dritter-Programm-Direktor, und besorgt; Musikologen ziehen die Feldlinien nach.

Und das Publikum – ich meine das andere, das große Publikum, für das die Musik, um die hier so erbittert gekämpft wird, eigentlich auch geschrieben wurde? Es ist nicht erschienen, aus Mangel an Interesse.

Ist der Schönberg oder Webern, der den Großvater so empörte, jetzt dem Enkel nähergerückt? Hat das, was man moderne Musik nennt, in den annähernd sechzig Jahren seit ihrer Geburt die Hörer erobert? Haben die unzähligen Anstrengungen des Funks, der Interpreten, die Arbeit der Wissenschaftler, der Volkshochschulen, um nur einiges zu nennen, hat dieser ganze Musikbetrieb, um den uns die Welt beneidet, wirklich Erfolg gehabt?

Gewiß sind Fortschritte zu erkennen: Hindemiths „ludus tonalis“, Bartóks „Mikrokosmos“ sind tägliche Klavierkost, sein Orchesterkonzert oder Strawinskys „Sacre“ Paradestücke der großen Reiseorchester geworden. Egk, Fortner, Henze brauchen nicht wie Mozart, ja wie sogar auch noch Bartók, am Hungertuch zu nagen.