Von Ferdinand Ranft

Dortmund

Es war vor zwei Jahren am 26. September 1964 in Amsterdam. Die Turmuhr derWesterkerk zeigte 9.38 Uhr. Ein Mann – sein Gesicht war mit Schuhcreme geschwärzt – betrat den Laden des Juweliers Hermann Schipper am Heiligeweg. Er befahl: "Hände hoch!" feuerte in die Stuckdecke und richtete seine belgische FN-Pistole auf den Juwelier. Einer der Angestellten warf einen Schemel über den Ladentisch. Das Ladenmädchen lief schreiend auf die Straße und in die Arme eines Komplizen. Der hielt das Mädchen fest und schoß auf zwei Passanten, die zu Hilfe eilen wollten. Währenddessen zertrümmerte ein zweiter maskierter Mann mit einem Maurerhammer die Panzerglasscheibe des Juweliergeschäftes und raffte die Auslagen zusammen. Juwelen im Werte von 400 000 Gulden verschwanden in einer Aktentasche. Der Spuk dauerte kaum eine Minute.

Das Räuberkleeblatt wußte, wie man die Polizei an der Nase herumführt. Unter dem, Geheul der Polizeisirenen betraten die drei nach ein paar hundert Metern eine Bäckerei und verlangten Rosinenstuten. Sie bezahlten. Anschließend ließen sich die drei – die Juwelen in der Tasche – beim gegenüberliegenden Friseur die Haare schneiden. Dann trennte man sich. Mit der Straßenbahn wurde die heiße Ware zum Stützpunkt, einem Campingplatz, gebracht. Von dort transportierte die Frau eines der Beteiligten den Schmuck in ihrer Unterwäsche über die Grenze nach Deutschland. Dieser Kriminalfall, der einem billigen Groschenroman entstammen könnte, hat noch eine besondere Pointe. Kaum 25 Meter vom Tatort entfernt, in einer Teestube, hatten zwei Frauen interessiert den Überfall beobachtet: Die Essener Rechtsanwältin Maria Anna Kreuzer und ihre 23jährige Tochter Irmgard, eine Jura-Studentin. Sie waren auf Einladung der zweiten Kreuzer-Tochter nach Amsterdam geeilt. "Mutti, kommst du gucken?" hatte ein paar Tage vorher Tochter Gerlind – mit dem Bandenchef verlobt – in Essen angefragt. Nach dem Schauspiel reisten Rechtsanwältin und Jura-Studentin wieder nach Hause.

Allein zurück blieben Bandenchef Petras Dominas mit seiner Braut. Und da machte der gerissene Dominas seinen entscheidenden Fehler: Am Tage nach dem Überfall wollte er zusammen mit Gerlind Kreuzer den "Einsatz"-Wagen holen. Der stand nur 300 Meter vom Tatort entfernt. Als Dominas seiner Begleiterin die Tür des gestohlenen "Opel" öffnen wollte, griff die Polizei zu. Sie hatte den verdächtigen Wagen nicht aus den Augen gelassen.

Genau zwei Jahre nach der Festnahme ihres Chefs in Amsterdam, begann vor dem Dortmunder Schwurgericht der Prozeß gegen die Dominas-Bande. Einen Zenter schwer ist der Aktenberg mit Beweismaterial. Die 290 Seiten umfassende Anklageschrift enthält einen Doppelmord, sechs versuchte Morde, sechs Raubüberfälle und zahllose Einbrüche und Diebstähle. "Insgesamt 75 Straftaten", resümiert Staatsanwalt Siegfried Schlösser. Gemeinsam mit dem 38jährigen Petras Dominas sind neun Frauen und Männer angeklagt.

Die schillerndste Figur in diesem Monsterprozeß – neben dem Bandenchef Dominas – ist die 58jährige ehemalige Rechtsanwältin und Notarin Maria Anna Kreuzer aus Essen. Einst war sie eine angesehene Strafverteidigerin, in Essener Ganovenkreisen als "Hilfskreuzer Annemarie" populär. Die ersten Kontakte zwischen dem in Litauen geborenen Petras Dominas und der Anwältin sind noch nicht ganz geklärt. Wahrscheinlich kamen sie über Frau Kreuzers Mann zustande. Kreuzer, der im Dritten Reich Chef einer Sicherheitsdienststelle gewesen war, verbüßte nach dem Zusammenbruch als Kriegsverbrecher eine Zuchthausstrafe in Werl. Dort lernte er, vor seinem Tode 1957, Dominas kennen. Wenig später bereits verteidigte Maria Anna Kreuzer ihn vor einem Essener Gericht. Ihr Plädoyer blieb erfolglos. Sie schmuggelte deshalb ihrem Mandanten eine Eisensäge in die Zelle des Untersuchungsgefängnisses. Der erfolgreiche Ausbruch aus dem dritten Stockwerk der Haftanstalt war nur von kurzer Dauer; 24 Stunden später wurde Dominas gefaßt und blieb bis 1963 wegen Juwelendiebstahls im Zuchthaus.