Podiumsdiskussionen werden möglichst von durchtrainierten, reisenden Redeathleten, die sich zu wechselnden Mannschaften zusammenfinden, nach festen Regeln gespielt. Das Thema ist so unentbehrlich wie gleichgültig. Nach Ergebnissen fragt nur, wem diese Sportart noch fremd ist. Normalerweise wird der Schiedsrichter am Anfang jemandem das Wort erteilen, von dem besonders extreme oder aggressive oder blödsinnige, jedenfalls „kontroverse“ Meinungen zu erwarten sind; dann tritt auf, wer am ehesten das genaue Gegenteil behauptet. Hat das Publikum die entstehende Rauferei lange genug genossen, ist der Gegenstand verknäult genug, kommt der Augenblick der kühleren Teilnehmer, jener, die über bewährte Fähigkeiten verfügen, Begriffe wieder zu entwirren. Ist auch deren Auftritt beendet, gehen die Meinungen des Podiums zur Neige, so wird das Publikum zur Mitwirkung aufgefordert: Unweigerlich finden sich in jedem Auditorium einige, die unterhaltsam Abwegiges beizusteuern wissen.

Im Frankfurter Amerika-Haus, das während der Buchmesse jeweils eine Podiumsdiskussion zu veranstalten pflegt, ging es diesmal um die Frage: „Sind die Beziehungen zwischen Autor, Verleger und Leser durch ein literarisches Establishment manipulierbar?“ Wobei die Worte „Establishment“ und „manipulieren“ mit ihrem korruptanrüchigen Aroma für den nötigen Anreiz zu sorgen hatten.

Die Leitung hatte François Bondy, einer unserer erfahrensten Podiumsschiedsrichter, und der erste, dem er das Wort gab („damit wir gleich kontrovers werden und eine profilierte Meinung hören“), war der professionelle Provokateur Rudolf Krämer-Badoni. Seine wie erwünscht kontroverse Meinung: das heutige literarische Establishment sei das Haus Suhrkamp-Insel, nicht etwa Rowohlt. Denn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt saß am anderen Ende des Tisches – das hätte eine schöne Kontroverse geben müssen.

Leider gedieh sie nicht recht. Ledig mochte seinen Anteil am „Establishment“, die Bedeutung seines Hauses für die junge Literatur und die jungen Leser, nicht über Gebühr herausstreichen, noch weniger mochte er den anderen möglichen Weg wählen, nämlich die Kollegen vom Hause Suhrkamp als manipulierendes Establishment zu verdonnern, vor allem aber kam er regelwidrig auf die Frage zurück, ob denn das Thema in Ordnung sei – er jedenfalls wisse nicht, was mit dem literarischen Establishment eigentlich gemeint sei: so daß die Diskussion von da an vornehmlich darin bestand, die Bedeutung des Wortes Establishment zu raten. Was immer die Deutschen darunter verstanden, irgendeine dunkle und wahrscheinlich böse Macht, die amerikanischen Gäste schienen ganz andere Vorstellungen zu haben und eher an eine richtungweisende Kritikergruppe zu denken. Die, meinte der Hemingway-Biograph Hotchner, sei etwas Gesundes und Wünschenswertes. Leider nur gebe es sie heute nicht.

Welch freudige Überraschung, als Krämer-Badoni dann gegen Ende doch verbindlich zu sagen wußte, was das Establishment in Wahrheit ist (Suhrkamp war in dieser Phase bereits vergessen). Man könne managen, sagte er, nicht welche Bücher veröffentlicht, aber welche gelesen werden; und aufgefordert, dieses „man“ zu erläutern: das sei in erster Linie der Mann, der in Hamburg den Literaturteil einer bestimmten Wochenzeitung redigiere. So daß sich der, der dies hier schreibt, unversehens als das leibhaftige Establishment im Saale sitzen sah – verwundert vor allem darüber, daß jemand wie Krämer-Badoni, der doch etliche praktische Erfahrungen im literarischen Journalismus erworben hat und weiß, wie wenig sich eine Schar von Kritikern „managen“ läßt und wie beschränkt die Wirkungsmöglichkeiten irgendeiner Zeitung oder Zeitschrift sind (die gesamte deutsche Presse, so ermittelte der Börsenverein, bestimmt von hundert Fällen in neunzehn die Wahl des Buchkäufers) – verwundert vor allem darüber, wie leicht doch das Diskussionsspiel, l’art pour l’art und sein eigener Zweck, einen dazu verführen kann, seine besseren Kenntnisse in den Wind zu schlagen.

Übrigens war nebenbei – Dieter Lattmann kam darauf zu sprechen – auch von Ernstem die Rede: von der Ungeduld des Betriebes, während doch die Literatur auf Geduld angewiesen sei. Aber so, wie sie hier gestellt wurde, blieb die Frage arg theoretisch. Lattmann ging denn doch nicht so weit, den literarischen Journalisten, deren Eilfertigkeit er beklagte, nahezulegen, besser einige Jahre zwischen dem Erscheinen eines Buches und der kritischen Reaktion verstreichen zu lassen, natürlich nicht, ebensowenig wie er sich selber und seinen Kollegen – er muß als Literatur-„Scout“ das Gras wachsen hören, er hörte für ausländische Auftraggeber den Grass wachsen – Langsamkeit und Bedächtigkeit empfahl. Vermutlich meinte er also mit seiner Beschwerde auch den eigenen Beruf.

Wie diesen Diskussionen überhaupt immer ein Moment der Selbstkasteiung eigen ist: Das Establishment, zu dem wir wohl oder übel alle gehören, setzt hier sein Unbehagen an sich selbst um in ein gefälliges Spiel.