Washington, im September

Bundeskanzler Erhard befand sich bei seiner fünften Begegnung mit Präsident Johnson in der beinahe bemitleidenswerten Lage, als personifizierter „Mister Wirtschaftswunder“ in Amerika um einen Zahlungsaufschub ersuchen zu müssen. Aber diese Schwäche war seine Stärke in den harten, zähen und leidenschaftlich sachlichen Gesprächen um den Devisenausgleich für die Stationierung der siebten US-Armee. Lyndon Johnson wußte, daß blinde Unnachgiebigkeit und ultimativer Druck auf den „sehr lieben Freund“ aus Bonn dem Bundeskanzler den Todesstoß in der Fraktion und in der Koalition hätte geben können. Dem Texaner lag jedoch nichts daran, Erhard zu Fall zu bringen; er braucht eine hinreichend stabile Bundesregierung, um die Rest-NATO im Griff zu halten.

So mußte zwischen der amerikanischen Ausgangsposition, fristgerechte deutsche Zahlung der noch offenen 2,6 Milliarden Mark bis zum 30. Juni 1967, und dem Ersuchen der Deutschen um ein mehrjähriges Moratorium eine Brücke geschlagen werden. Darauf konzentrierten sich alle Gespräche. Und wenn auch bislang nicht mehr gelang als der Einbau der Pfeiler, steht doch fest, daß in den nächsten Wochen auch noch die Bogen eingezogen werden können. Die Bundesregierung braucht zu diesem Zweck einen Devisenvorschuß der Bundesbank und dazu die Zustimmung des Bundestages, da ihr Kreditplafonds bereits erreicht ist.

In dem Augenblick, wo der Bundeskanzler die Stabilisierungsgesetze durchsetzen will, stellt ihn das vor neue Schwierigkeiten. Aber das deutsche Obligo aus den Offset-Abkommen kann ebenfalls nicht übersehen werden. Es geht nicht um die falsche Vereinfachung: amerikanische Soldaten gegen Dollarzahlungen. Es geht auch um die Glaubwürdigkeit der Verpflichtungen, welche die Bundesregierung verbindlich eingegangen ist. Johnson hat die Löcher in der amerikanischen Zahlungsbilanz und den Druck des Kongresses ebenso zu berücksichtigen wie Erhard die schwache Haushaltslage des Bundes und den Grimm seiner Gegner in der CDU.

Die langfristigen Probleme werden in einem gemeinsamen deutsch-britisch-amerikanischen Ausschuß angepackt, der auf Wunsch Erhards aber erst im Oktober nach dem Abschluß der laufenden Ausgleichsverhandlungen mit den Engländern gebildet werden soll. Dadurch entgeht die Bundesregierung der Notwendigkeit, gleichzeitig mit zwei drängenden Gläubigern auf einmal verhandeln zu müssen. Im übrigen haben die Amerikaner den Aufgabenbereich dieser Dreierkommission sehr weit gesteckt. In ihm soll endlich nachgeholt werden, was bisher in der NATO-Krise versäumt wurde: Sie soll den gesamten Verteidigungsaufbau in Europa, die Strategie, die Kostenregelungen und die kostengünstigste Einrichtung der NATO-Militärmaschine neu durchdenken und festlegen. Damit geraten fast alle Lebensfragen der NATO in den Bereich dieser Dreiergespräche. Endlich kann sachlich durchdacht werden, wieviel Truppen wirklich gebraucht werden, ob es möglich ist, die westalliierten Verbände in einem Doppelstützpunkt-System teilweise in ihrer Heimat bereitzuhalten und teilweise in der Bundesrepublik, welche Effektivität die schnelle Auffüllung in Europa durch Lufttransport jetzt oder in drei Jahren haben wird und wie hoch die Atomschwelle liegen soll.

Erhard nimmt aus Washington auch manchen Pluspunkt mit. Der Bundesregierung wurde kein Verzicht auf eine nukleare Gemeinschaftslösung abgenötigt. Die amerikanische Position gegenüber den Russen ist weiterhin aufgeschlossen für einen Atomwaffensperrvertrag, aber nicht nur im Sinne einseitiger Vorleistungen. Erhard sieht zwar voraus, daß sich die Bundesrepublik schließlich mit einer Rolle im McNamara-Ausschuß wird abfinden müssen, wenn dieser Ausschuß institutionalisiert wird. Er kann aber wenigstens hoffen, daß der Gedanke einer gemeinsamen Nuklearstreitmacht erst aufgegeben wird, wenn die Russen sagen, was sie zur wirklichen Entspannung in Europa beitragen wollen.

Der alte Magier Johnson zauberte für Erhard den improvisierten Besuch auf dem Raketengelände von Kap Kennedy aus dem Hut und gab ihm damit etwas Schubkraft, die der Kanzler in Bonn gebrauchen kann. Er fand sich zu einer lange vermißten und diesmal sehr nachdrücklichen Betonung des Bonner Standpunktes in der Wiedervereinigungsfrage bereit und willigte in die Errichtung eines heißen Drahtes – einer direkten Telephonlinie zwischen Weißem Haus und Kanzleramt – ein. Joachim Schwelien