Von Werner Höfer

Hätte Karl Mildenberger Cassius Clay aus dem Ring gefeuert, so wäre die Kabine des-Siegers kaum von einer größeren Telegrammflut überschwemmt worden als das Interimsbüro des Beamtenbund-Bosses Alfred Krause in der Godesberger Stadthalle, nachdem er den im Nehmen schwachen Bundeskanzler durch wohlgezielte rhetorische Schwinger auf den Solar plexus erst an die Seile und dann aus dem Saal gedrängt hatte.

Der als Vorsitzender nahezu einstimmig wiedergewählte Gelsenkirchener Bundesbahnoberinspektor – seit Jahren beurlaubt zur DBB-Funktion – fingert lässig in Zustimmungsbotschaften, die ihn nicht nur aus den eigenen Reihen, sondern auch von nichtorganisierten oder fremdorganisierten Kollegen erreichten. Er spricht mit der sanften Gelassenheit eines Literaten, trägt Ent- und Beschuldigungen vor, ohne daß eine Unmutsfalte seine glatte Stirn kräuselt: vom Scheitel bis zur Sohle alles andere als ein zorniger Funktionär vom Berserker-Typ. Und doch war er es, der Ludwig Erhard zu einer Spontanreaktion provoziert hat, die dem ramponierten Image des Regierungschefs einen weiteren Croquellée-Effekt hinzufügte. Aber er sieht trotz des Kanzlerausmarschs keinen Grund, sich zu entschuldigen, wohl aber – als Hamlet im Beamtenverhältnis – einen Anlaß, der Mitwelt sich und seine Sache zu erklären.

„Als ich den Herrn Bundeskanzler das Lokal verlassen sah, und als ich bemerkte, mit welcher Disziplin meine Kolleginnen und Kollegen darauf reagierten, erinnerte ich mich der Berliner Szene, als der Bundespräsident vor dem DGB-Kongreß ein paar Äußerungen tat, die von den Delegierten durchaus nicht stillschweigend hingenommen wurden. Jetzt höre und lese ich den Vorwurf, ich hätte in meiner Kritik an der Beamtenpolitik der gegenwärtigen Bundesregierung die Form verletzt, mit der Gastgeber und Gast sich zu begegnen hätten. Nun, die Vertreter des Deutschen Beamtenbundes und die Herren der Bundesregierung haben sich nicht auf gesellschaftlichem Parkett getroffen, sondern auf dem Paukboden der Demokratie, wo die Spielregeln des unzimperlichen Wortwechsels gelten. Es geht bei unserer Auseinandersetzung nicht um Formfragen, sondern um Sachfragen. Und wenn es um die Sache von fast zwei Millionen Menschen geht, kann ich mich nicht an die augenzwinkernde Empfehlung der gereimten Weisheit halten: ‚Da lob‘ ich mir die Höflichkeit, das zierliche Betrügen: ich weiß Bescheid, du weißt Bescheid, und allen macht’s Vergnügen‘.“

„Was ist es denn nun, was Sie so aufgebracht hat gegen Regierung und Regierungschef?“

„Wir werfen dem Bundeskanzler vor, daß er sich den Beamten gegenüber genau umgekehrt veihalten hat, wie er es immer zu versprechen pflegt: unredlich. Niemand ist so maßvoll in seinen Forderungen gewesen wie die Beamtenschaft, aber auch niemand so ungebührlich hingehalten worden.“

‚Sie spielen auf Versprechungen an, die Ihnen vor der Wahl gemacht worden sind und die nach der Wahl nicht eingehalten wurden? Hätten Sie nicht wissen müssen, was man von Wahlveisprechungen überhaupt zu halten hat?“