„Profile VI: Jugoslawische Kunst heute“ (Bochum, Städtische Kunstgalerie): Die Jugoslawen haben der Legende, ihr Land sei das Dorado der Sonntagsmaler, wo sich Bauern und Handwerker in den Dörfern zu Malerschulen zusammenschließen, kräftig Vorschub geleistet, indem sie Ivan Generalic als Vorreiter in den Westen geschickt haben. Generalic aus der Bauernschule von Hlebinje ist bei uns außerordentlich populär, seine Öl-auf-Glas-Bilder werden hoch bezahlt und hängen in vielen Museen und Sammlungen. Aber trotz solchen spektakulären Erfolgen spielen die Naiven in der Kunst ihres Landes keineswegs eine dominierende Rolle.

In der Bochumer Ausstellung repräsentiert Generalic als einziger die naive Malerei, unter 42 Künstlern, die von zwei jugoslawischen Experten, dem Belgrader Professor Oto Bihalji-Merin (einem internationalen Fachmann für „Das naive Bild der Welt“) und Zoran Krzisnik, dem Direktor der modernen Galerie in Ljubljana und Organisator der internationalen Graphik-Biennalen in Ljubljana, als „Querschnitt durch die Spitzen heutigen jugoslawischen Schaffens“ ausgesucht wurden.

Jugoslawien ist in der sehr instruktiven Bochumer Ausstellungsreihe „Profile“ nach Polen und der Tschechoslowakei der dritte Ostblockstaat. Ebenso wie die beiden andern beweist er, daß in der Kunst eine Trennungslinie zwischen Ost und West, die wir nach 1945 als existent angenommen hatten, längst illusorisch geworden ist. Die Idee, es sei die Kunst im östlichen Raum im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Umbau „auf den scholastischen Weg eines idealisierenden, naturalistischen Akademismus gelenkt worden“ (Bihalji-Merin), wirkt angesichts der Arbeiten im großen Eingangsraum als eine groteske Fehleinschätzung. Das Vergnügen an Op-Art-Experimenten ist hier nicht weniger lebhaft als im Westen.

Man sieht „Lichttragende Formen“, kombinierte Metallschalen, die das Licht reflektieren. Vasarely steht hoch im Kurs. Miroslav Sutej transponiert ihn in die dritte Dimension, die schwarz-weiß gemusterten Flächen wölben sich in den Raum, teils real, teils illusionistisch. Anregungen von Tapies werden geschickt aufgenommen. Gegenüber solchen aktuellen Tendenzen treten folkloristische Momente nur rudimentär in Erscheinung, etwa in den Tapisserien von Milica Zoric oder in den geschnitzten Holztürmen von Bogoslav Zivkovic – hier soll offenbar die Tradition der mittelalterlichen Bogomilen-Denkmäler nicht ohne Gewaltsamkeit aufgenommen werden.

Die eindrucksvollsten Leistungen liegen auf dem weiten Feld zwischen der am Westen orientierten Aktualität und der traditionellen Kunst, Das Stichwort wäre „Phantastischer Realismus“, der sich jedoch von der Wiener Schule durch ein leidenschaftliches Engagement, durch Aggressivität und Härte unterscheidet. Die Bilder von Vladimir Velickovic, von Marij Pregelj, von Krsto Hegedusik sind keinen westlichen Maximen verpflichtet, sie sind als ein ernsthafter und überzeugender Versuch einer „neuen Wirklichkeitserfassung“ (Bihalji-Merin) zu akzeptieren. – Die Ausstellung dauert bis zum 30. Oktober.

„Fernando Botero“ (Hannover, Galerie Brusberg): Botero ist Kolumbianer, 1932 geboren und lebt in New York, der interessanteste südamerikanische Maler, den man seit vielen Jahren in Europa gesehen hat. Nach diesem Debüt ist ihm eine große Karriere sicher. Die Galerie Buchholz hat seine Bilder zuerst nach München geholt, in Hannover wurde die Auswahl durch neueste Bilder ergänzt. Botero malt überdimensionale Figuren und Köpfe, aufgeschwemmt, aufgeblasen, monumentale Monstren, die kindlich, hilflos, lächerlich wirken, die mit ihrer Leibesfülle über den Rahmen drängen, die virtuos, in altmeisterlicher Manier gemalt sind.

Eine persiflierende Huldigung an Rubens ist das Doppelporträt „Rubens und seine Frau“, der Maler mit zierlich übereinandergeschlagenen Beinen, im Augenblick, bevor er in seinem eigenen Fett ertrinkt, ins Bild gerettet. Mit der gleichen ironischen Brutalität malt er seine Bildnisse „Der Papst“ oder „Heiliger Sebastian“, aber auch simple Stillleben mit Äpfeln und Weinflaschen, oder das Porträt einer Katze. – Bis zum 20. Oktober. Gottfried Sello