Schussenried: Moorbad in Oberbayern

Viel gescheiter als die Landbevölkerung vorJahrtausenden ist die Wissenschaft auf dem Gebiet der Balneologie offenbar auch heute noch nicht. Jedenfalls ist die Heilwirkung des Moores, das in Oberschwaben, im „Himmelreich des Barock“, allüberall im Boden quillt, nur empirisch festgestellt. „Die natürliche Wärme tut dem Rheuma gut, gewiß; man schwitzt in dem dicken Brei; Vorsicht bei älteren Leuten wegen des Herzens. Und die östrogenartige Wirkung bei Frauen? Ein chemischer Vorgang, keiner weiß es genau.“ Wohltuend ist die Bescheidenheit der Ärzte aus der Umgebung, die sich kürzlich in Bad Schussenried zu einem Fachgespräch trafen. Aber viele ehrliche Heilerfolge bei Unfruchtbarkeit werden beschworen.

Doppelt so viele Frauen wie Männer kommen in das Moorbad. Viele Fettleibige, die abnehmen wollen. Dabei haben die Männer laut Statistik mehr Erfolge. Sind sie disziplinierter? Sind sie konsequenter? Sind sie eitler? Oder ist es einfach die Veranlagung, schneller abzunehmen?

Das Parksanatorium, von der Stadt in die weitläufige sanftgewellte Wiesenlandschaft über dem Schussentale aufwendig hineingebaut und erst vor ein paar Monaten eröffnet, hat 140 Betten und einen ganzjährigen Vertrag mit der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, so daß nur zwanzig Privatpatienten Unterkunft finden. Daneben gibt es noch zwei Kurheime, im ganzen Platz für etwa 500 Gäste.

Erst seit acht Jahren kommen Fremde hierher zur Kur. Das Psychiatrische Landeskrankenhaus, staatlich, fast hundert Jahre alt, war weitaus bekannter. Das war wohl der Grund für die Anstrengungen der ehrgeizigen Gemeinde mit 5700 Einwohnern, die seit 1947 Stadt ist, sich den Titel „Bad“ zulegen zu dürfen. Die Voraussetzungen wie Klima, Badeeinrichtungen, Verkehrsverbindungen, Kuranlagen, ein Netz von Spazierwegen, Stille, kulturelle Betreuung mußten dafür nachgewiesen und zum Teil erst geschaffen werden. Seitdem ist Schussenried die meistverschuldete Gemeinde Oberschwabens. Aber als Bad Schussenried – seit wenigen Wochen darf es sich so nennen – hofft man nun, daß der Aufwand sich bezahlt machen, der Strom der Kurgäste nicht mehr abreißen wird.

Auch Einrichtungen für Kneippkuren sind vorhanden, aber der Hauptakzent liegt auf den Moorbädern, wie in den Nachbarbädern Bad Wurzach, Bad Waldsee und Bad Buchau. Angelernte Kräfte aus der ländlichen Umgebung fungieren als Schwestern, nur die Masseure sind Fachkräfte. Die Badeeinrichtungen im Souterrain des Parksanatoriums seien, so seufzt der Chefarzt, vom Architekten viel zu klein geplant. Ein Gymnastikraum hat einen „künstlichen Waldboden“ aus elastischen vibrierenden Schaumstoffläufern für die Bewegungs- und Atmungstherapie. Besser noch ist wohl der echte Waldboden in den Wäldern ringsum. Einige Seen liegen in der nahen Umgebung. J. R.