Von Karlheinz Wocker

Harold Macmillan: Winds of Change 1914–1939. Macmillan-Verlag. London. 664 Seiten. Preis 55 Shillings.

Besucher der Stadt London, mit denen man sich irgendwo – in der Nähe des Leicester Square trifft, zeigen manchmal verdutzt auf einen älteren Herrn, der schlendernden Schrittes in einer kleinen Seitenstraße verschwindet, und sagen: „Ach sehen Sie mal, der sieht aus wie Macmillan.“ Man erntet ungläubige Blicke, wenn man versichert, das sei Macmillan, er gehe gerade aus seinem Kontor hinüber nach Pall Mall in einen seiner Klubs. „Supermac“ ist rechtzeitig aus der Politik ausgeschieden.

Er kann seinen Lebensabend als mutmaßlicher Millionär und in der rechten Dosierung von leichter Tätigkeit und wohlbehüteter Erholung verbringen. Er schießt Moorhühner im heimatlichen Schottland und freut sich, wenn das Verlagshaus Macmillan einen Bestseller lanciert. Um sich zu beschäftigen, sagt er, habe er begonnen, ein drei- oder vierbändiges Memoirenwerk zu verfassen. Der erste Teil, „Winds of Change 1914–39“ war bereits ein Bestseller, noch bevor er auf den Markt kam.

Churchill, Attlee und Eden haben ihr Urteil über die englische Politik seit dem Ende der dreißiger Jahre – der Zeit des Aufrückens von Macmillan in die vorderen Reihen von Westminster – in ihren Memoiren niedergelegt. Sie alle waren mit der Londoner Handhabung der äußeren Affären vor 1939 auf ihre Weise unzufrieden, und Macmillan verstärkt nun ihren Chor. München sei für ihn die schlimmste Zeit seines Lebens gewesen, hat er vor kurzem bekannt, als er in einer der vom britischen Rundfunk neuerdings gepflegten Fernseh-Selbstbiographien nach den Höhe- und Tiefpunkten seiner Karriere gefragt wurde. Er habe damals an der Konservativen Partei gezweifelt. Doch war auch für ihn München später keine Weltanschauungsfrage mehr, als er der Königin 1963 zum Nachfolger in Downing Street einen Mann vorschlug, der 1938 im anderen Lager gestanden hatte.

Dieser erste Band ist auch dem nichtenglischen Leser von Interesse als Zeitgemälde und Bericht eines klugen Beobachters. Ob sich dagegen seine Landsleute nach der Lektüre ein schärferes Urteil von diesem rätselhaften Mann machen können, ist zu bezweifeln, dazu wird die Fortführung des Werks abzuwarten sein. Aber die ersten Jahrzehnte seines Lebens erklären doch manchen Widerspruch, den man in dem späteren Staatsmann zu sehen glaubt. Daß er die aristokratischen Kreise der Tory-Partei, denen er als Schwiegersohn des Herzogs von Devonshire natürlicherweise zugehörte, durch seine Neigung zum kleinen Mann oft genug in Erstaunen versetzte, daß er aus dem halbproletarischen und unsicheren Wahlkreis Stockton-on-Tees zwanzig Jahre nicht weichen wollte, begreift man nach seiner Schilderung der Wirtschaftskrise von 1931. Macmillan ist der Altersgenosse der gegenwärtigen Führungsschicht in den britischen Gewerkschaften, die alles, was sie tut und läßt, noch heute unter dem Eindruck jener Jahre beurteilt. Macmillan schrieb in den dreißiger Jahren ökonomische Pamphlete (sie sind dem Band beigegeben), die jeder Tory für umstürzlerisch halten mußte, die aber von Keynes gelobt wurden, worauf ihr Verfasser noch heute stolz ist.

Zu den Widersprüchen in der Laufbahn Macmillans zählt es aber auch, daß er in den Jahren seiner Premierschaft dann umgekehrt diejenigen Konservativen enttäuschte, die glaubten, er werde die aufkommenden Sturmzeichen in der britischen Wirtschaft mit den von ihm selbst aufgestellten Methoden bekämpfen. Sie kannten im Stop-Go-Macmillan den Pamphletisten der dreißiger Jahre nicht wieder und fanden, am Ende habe doch seine soziale Stellung über seine sozialkonservativen Ansichten gesiegt.