Zu einem „Zentrum des Höflichkeitskultes“ möchte die Moskauer Abendzeitung „Wetschernaja Moskwa“ die Hauptstadt der Sowjetunion machen. Angeblich sind die Moskauer von Natur häufig mürrisch und unfreundlich. Sie neigen vermutlich dazu, ähnlich wie die Berliner, ein bißchen „pampig“ zu sein. Aber was in Berlin als Stil gilt, soll in Moskau jetzt nichts mehr gelten: höfliche Manieren, viele in den täglichen Umgang eingestreute „bitte“ und „danke“ sollen den grauen, roten Alltag künftig verschönern.

Jedenfalls ist die Bevölkerung Moskaus jetzt aufgerufen, Vorbildern nachzueifern. Da sind zum Beispiel die Sitten Lenins, die bei dieser Gelegenheit ausgegraben werden sollen. Lenin soll ein Muster an Liebenswürdigkeit und gleichbleibender Freundlichkeit gewesen sein und alle Menschen gleich behandelt haben, ob er es mit einem Volkskommissar oder mit einem Fahrstuhlführer zu tun hatte. Seine Person ist, jedenfalls was die höflichen Manieren anging, schon so sagenumwoben, daß man sich erzählt, er habe es einfach unverzeihlich gefunden, als einmal ein Beamter zwanzig Menschen eine Stunde lang warten ließ – und sich dann nicht einmal entschuldigte, als er endlich erschien. „Der Moralkodex des Erbauers des Kommunismus“, so war jetzt zu lesen, „erfordert menschliche Beziehungen und gegenseitigen Respekt unter den Menschen.“

Muster unter den Lebenden ist mittlerweile ein Busfahrer, der das Fahrgeld mit „bitte“ und „danke“ kassiert, Aussteigenden vor schlüpfrigem Pflaster warnt, Fahrgäste anregt, Alten und Gebrechlichen behilflich zu sein – kurzum: seinen Mitbürgern vor Augen führt, „wie wenig nötig ist, um andere glücklich zu machen, und wie schnell jemand beleidigt wird, dem man unhöflich begegnet“. h