Von Michael Jungblut

Niemand weiß, was uns in den nächsten zwanzig Jahren mehr bedrücken wird: Die Furcht vor Arbeitslosigkeit und sozialer Degradierung oder die Sorgen über die zunehmende Vergreisung. Beides könnte die Hoffnungen vieler Menschen auf eine weitere Steigerung ihres persönlichen Lebensstandards zunichte machen. Das mag angesichts unserer gegenwärtigen Lage überraschen. Aber der stürmische wirtschaftliche Aufschwung hat in den vergangenen Jahren die Symptome dieser Gefahren weitgehend überdeckt. Trotzdem – auch wenn bisher die Folgen des technischen Umbruchs und der Überalterung noch nicht spektakulär hervorgetreten sind – es wäre besser, sich rechtzeitig Gedanken darüber zu machen, als immer erst auf Krisen und Notstände zu reagieren.

Tragödien haben sich bisher nicht abgespielt. Zwar haben schon Millionen Arbeiter und Angestellte den Einzug der Automation in ihren Arbeitsbereich erlebt, aber kaum jemand ist dadurch brotlos geworden. Das rasche wirtschaftliche Wachstum hat immer schneller neue Arbeitsplätze geschaffen, als Rationalisierung, und Automation die alten beseitigt haben. Mancher Berufstätige mußte allerdings erleben, daß seine in langen Jahren erworbenen beruflichen Fähigkeiten plötzlich entwertet wurden. Außerdem war die neue Tätigkeit häufig mit einer niedrigeren Entlohnung und geringerem sozialen Ansehen verbunden. Das Mißtrauen gegen die neue Technik sitzt daher tief.

Aber erst dann, wenn nicht mehr überall unbesetzte Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, wird die Automation wirklich zum Schreckgespenst. Sollten die Zeichen nicht trügen, so nähert sich dieser Zeitpunkt schneller, als viele es erwartet haben. Überall entspannt sich der Arbeitsmarkt. Entlassungen von Arbeitern sind längst nicht mehr so selten und unmöglich wie noch vor zwei Jahren. Vor einem Jahr machten sich noch keine 10 Prozent der Arbeitnehmer Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Heute zeigen Meinungsumfragen, daß die Unruhe schon jeden zweiten ergriffen hat. Im Ruhrgebiet sind sogar 70 Prozent in Sorge um ihren Arbeitsplatz.

Während aber eine gute Wirtschaftspolitik Arbeitslosigkeit, sei es im Gefolge der Automation oder einer Depression, vermeiden kann, führt kein Weg an dem Rentenberg vorbei, der unaufhaltsam auf uns zukommt. Das bedeutet, daß in den nächsten Jahren das Einkommen der arbeitenden Bevölkerung immer stärker dadurch belastet werden wird, daß eine wachsende Zahl von alten Menschen mitversorgt werden muß.

Tatsächlich läßt sich heute schon mit Sicherheit sagen, daß die Gruppe der Rentner im Verhältnis zur Zahl der Männer und Frauen im erwerbsfähigen Alter (bei Männern zwischen 14 und 65 Jahren, bei Frauen zwischen 14 und 60 Jahren) stark zunehmen wird. Während 1939 tausend Erwerbsfähigen erst 106 Rentner gegenüberstanden, waren es im vergangenen Jahr schon 242. Bis 1975 wird nach Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD genannt, ihre Zahl sogar auf 299 ansteigen, um dann bis 1980 wieder leicht auf 277 abzusinken.

So ungünstig das ist – diese Rechnung ist nicht einmal ganz realistisch. Schließlich kommt es nicht, darauf an, wie viele Menschen an sich arbeiten könnten, sondern wie viele tatsächlich zur Produktion der Güter beitragen, von denen die Gesamtbevölkerung leben muß. Dann aber müssen nicht nur die Alten unberücksichtigt bleiben, sondern auch die Jugendlichen, die sich noch in der Ausbildung befinden. Ebenso alle, die durch Berufs- und Verkehrsunfälle frühzeitig gezwungen wurden, aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Daneben gibt es stets eine große Anzahl Frauen, die nur zeitweise oder nie einer bezahlten Arbeit nachgehen. Da die Bundesrepublik schon heute nach Österreich von allen westlichen Ländern die meisten Frauen in ihrer Wirtschaft beschäftigt (von 1000 Arbeitskräften sind 361 Frauen), ist von dieser Seite kaum noch eine Entlastung des Arbeitsmarktes zu erwarten. Im Gegenteil, die Statistiker rechnen in ihren langfristigen Prognosen eher mit einem Absinken des weiblichen Anteils an der Beschäftigtenzahl.