Von Wolfgang J. Helbich

R. B. Nye und J. E. Morpurgo: Geschichte der USA; Wilhelm Goldmann Verlag, München; 808 S., 48 Abb., 48,– DM.

Was kann derjenige tun, der sich über Hintergründe, genauen Verlauf und Auswirkungen etwa der Finanzpolitik Hamiltons, der Besiedlung Oregons, der irischen Einwanderung, der Mexiko-Politik Wilsons oder des Teapot Dome-Skandals informieren möchte? Nur eines: Englisch lernen. Unter den modernen wissenschaftlichen Darstellungen (seit 1945) der amerikanischen Geschichte in deutscher Sprache gibt es, von einigen Aspekten der Außenpolitik im 20.Jahrhundert abgesehen, so gut wiekeine Monographien. Dafür hat der Leser die Wahl zwischen etwa einem Dutzend meist sehr kurzer deutscher Darstellungen und einem halben Dutzend Übersetzungen; von beiden Gruppen erschien die große Mehrzahl zwischen 1947 und 1952. Daß aus beiden, auch wenn sie noch so gut wären (was sie größtenteils nicht sind), Fragen wie die oben gestellten sich nicht beantworten, sondern allenfalls deutlicher formulieren lassen, liegt auf der Hand.

Man wende nicht ein, das sei ja sehr bedauerlich, aber beruhe schließlich auf – Gegenseitigkeit. In Amerika sind in den letzten zehn Jahren nicht nur drei oder vier recht anspruchsvolle Gesamtdarstellungen, zumindest für die Neuzeit, erschienen, sondern auch einige zwanzig, zum Teil höchst wertvolle, gründliche Monographien zu den verschiedensten Aspekten der deutschen Geschichte. (Und die Behauptung ist sicher nicht übertrieben, daß auf jeden deutschen Doktoranden, der an einem Thema der amerikanischen Geschichte arbeitet, zehn Amerikaner kommen, die sich mit einem deutschen Thema befassen.)

Es würde zu weit führen, den Ursachen dieses zumindest auf den ersten Blick eigenartigen Zustandes nachzugehen; und es wäre wenig sinnvoll, hier darüber zu lamentieren. Aber dieses Bild gibt den Hintergrund ab für die Beurteilung des hier anzuzeigenden Buches.

Es gibt eine Reihe einbändiger Gesamtdarstellungen, die ebenso geeignet und zum Teil in der Verarbeitung neuer Forschungsergebnisse etwas aktueller wären, aber gar zu groß ist der Unterschied nicht.

Womit gesagt sein soll, daß es sich bei Nye-Morpurgo nicht um eine literarische oder wissenschaftliche Großtat, sondern ein ordentliches Buch handelt – mit ein paar Schwächen und ein paar Stärken. Wie gewöhnlich versucht der Verlag das Gegenteil zu beweisen: Der Wind, den Klappentext und auch Vorwort um die Tatsache machen, daß es sich um die Gemeinschaftsarbeit eines Engländers und eines Amerikaners handelt (demnach ohne nationale Vorurteile), könnte fast den Eindruck erwecken, als gebe es zwischen englischen und amerikanischen Historikern heute noch bittere Nationalkontroversen. Wie bei einer so vergleichsweise knappen Darstellung unvermeidlich – zumal wenn sie, wie dieses Buch, versucht, den Begriff Geschichte sehr weit zu fassen und möglichst nichts auszulassen –, werden auch wesentliche Aspekte nur gestreift, bleiben viele Unklarheiten der Darstellung und der Formulierung, gibt es einige Ungenauigkeiten und eine Reihe sehr bestreitbarer Behauptungen.