Mitte Oktober wird Hamburgs einziges Passagierschiff in seinen Heimathafen zurückkehren – am Haken zweier Überseeschlepper und ohne den traditionellen Begrüßungsmarsch der Bordkapelle. Ein Brand hat dem Lebenslauf der Hanseatic, der „älteren Jungfrau“, wie Hamburgs Bürgermeister Weichmann sie nannte, ein vorzeitiges Ende gesetzt.

Doch wo Trauer geboten schien, jubelten Hamburgs Lokalblätter: „Die neue Hanseatic heißt Hamburg – Der: Senat sagt ja zum Bau eines Passagierschiffes!“ Während die 36jährige Hanseatic ihre vorerst letzte Fahrt antrat, gab der Senat der Hansestadt seinen Bürgerschaftssegen zum Bau eines neuen Passagierschiffes, für das Hanseatic-Reeder Axel Bitsch-Christensen das Geld auf erfinderischeWeise zusammengekratzt hat.

Der deutschen Passagierschiffahrt tat ein solcher Lichtblick gut in einem Zeitpunkt, da die deutsche Flagge seltener wird. Mitte Oktober wird die Berlin ehrenvoll aus ihrer langjährigen Rolle als Dukatenesel des Norddeutschen Lloyd entlassen und auf den Abwrackplatz geschleppt. Lloyd-Flaggschiff Bremen fährt nur noch mit verminderter Geschwindigkeit und muß für einen Monat in die Werft. Die Lübecker Regina Mais, ein kleineres, erst kürzlich fertiggestelltes Kreuzfahrtenschiff, machte mit norwegischen Felsen Bekanntschaft und liegt im Reparaturdock. Nur die Europa vom NDL fährt noch.

Hamburg aber muß zweieinhalb Jahre auf sein neues Flaggschiff warten. Jahrelang hatte Professor Dr. Herbert Weichmann, damals noch Finanzsenator der Hansestadt, Abneigung gegen die sogenannten Luxusschiffe gezeigt und dagegen gewettert, daß eine kleine Schicht von Geldleuten oder Parvenüs billiger zur See fahren könnten. Vor einer Woche nun nannte er die Hamburg ein „zusätzliches schwimmendes Wirtschaftsunternehmen für die Hansestadt“.

Der Versuch, ein solches „schwimmendes Wirtschaftsunternehmen“ zu schaffen, war in der Nachkriegszeit schon verschiedentlich unternommen worden – stets ohne Erfolg. Albert Ballins Erben, die finanzkräftige Hamburg-Amerika Linie, liebäugelte Mitte der fünfziger Jahre mit dem Gedanken, zusammen mit dem Norddeutschen Lloyd zwei Passagierschiffe zu bauen, kaufte dann aber nur ein kleineres und damit kaum rentables Schiff, die Ariadne, und zog sich später auf das reine Frachtgeschäft zurück. Die Ariadne schwamm ab in die Karibische See.

Spektakulärer waren die Anläufe, die Rudolf Oetker unternahm, seiner Hamburg-Süd-Gruppe ein Flaggschiff mit dem Namen Cap Arcona zu bauen. Der Plan gedieh bis zu Entwürfen und Modellen. Doch auch sie verschwanden in Schubläden, und Oetker wandte sich der Tank- und Kühlschiffahrt zu.

Die notwendige Zähigkeit, solch ein Projekt zu verwirklichen, brachte der geborene Däne und Wahlhamburger Axel Bitsch-Christensen auf, der seit 1958 die nicht immer glückhaft fahrende Hanseatic gemanagt hat. Seit Jahren zeigte er Besuchern in seinem Büro an der Binnenalster, in dem einst Ballin die größten Passagierschiffe seiner Zeit plante, die Skizzen für ein modernes Schiff, das er als jüngere Schwester der Hanseatic an der Elbe bauen lassen wollte.