Von Paul Sethe

Wer die Wiedervereinigung ernstlich will, der sieht Deutschland in diesen Jahren unter einem Himmel voll dunkler Wolken. Aber sie brauchen nicht für immer zu bleiben. Die Geschichte bietet tröstlichere Ausblicke als der politische Himmel in diesen Tagen. Wir leben in einer Zeit der schnellen Veränderungen. Gerade die totalitären Staaten wechseln ihren Kurs oft in wenigen Monaten. Die weltpolitische Lage kann sich ändern. Wer will heute schon wissen, welche Bewegung aus dem Dreieck Washington-Peking-Moskau in die Weltpolitik fließen wird? Im Kreml können neue Männer an die Macht kommen. Der General de Gaulle hat die Russen darauf hingewiesen, daß es in Europa den dauernden Frieden nicht geben wird, den auch sie wünschen, wenn nicht die deutsche Einheit wiederhergestellt wird. Einmal werden sie das begreifen – vorausgesetzt, daß wir das Unsrige dazu tun.

Das aber dürfen wir mit größerer Sicherheit erwarten als vor zehn Jahren. Die bitteren Erfahrungen der deutschen Wiedervereinigungspolitik sind nicht spurlos an unseren Politikern vorübergegangen. Die Ketzereien von gestern sind die Banalitäten von heute geworden. Wer davon spricht, daß wir den Russen für die deutsche Einheit einen Preis zahlen müssen, der wird zwar immer noch scheel angesehen, aber, anders als vor zehn Jahren, nur deshalb, weil er den Gesprächspartner mit einer Selbstverständlichkeit langweilt. Daß nicht nur unser, sondern auch das russische Sicherheitsbedürfnis befriedigt werden muß, sehen heute mehr Leute ein als vor zehn Jahren.

Vor allem hat jetzt eine deutsche Politik der Wiedervereinigung, die der Wirklichkeit gemäß ist, und die darum Aussicht auf Erfolg hat, einen angesehenen Bundesgenossen im Ausland gefunden, den sie früher nicht besaß. Wenn der Präsident de Gaulle die „Wiedervereinigung Europas“ und die „Wiedervereinigung Deutschlands“ als zwei Seiten ein und derselben Sache sieht, so setzt er damit den Hebel an der entscheidenden Stelle an.

Auch als er zu erkennen gab, daß er die russische Regierung für friedliebend hält, überreichte er uns den Schlüssel zu dem Tor, das den Weg zur Wiedervereinigung öffnet. Wir müssen ihn nur ergreifen.

Gewiß, es wäre besser gewesen, wir hätten ihn schon 1953 ergriffen, als die Aufforderung aus London zu uns herüberdrang, als Churchill erkannte, daß die Sowjetunion den Frieden will. Aber seine Stimme war damals nur schwach und kaum vernehmbar. Wir haben manche Fehler gemacht, wir haben auch unverdientes Unglück gehabt. Wir wissen jetzt aus den Erinnerungen seines Leibarztes, daß Churchill damals schon ein kranker Mann war, von häufigen Anfällen heimgesucht. Er besaß nicht mehr die alte Willenskraft, seine Stimme hatte in der Welt nicht mehr die alte Macht. Hätte er entschlossen versucht, nach der Erkenntnis zu handeln, daß die Sowjetunion den Frieden und nicht den Krieg wollte, er hätte die Begegnung mit dem russischen Ministerpräsidenten wohl erzwungen. In der Bundesrepublik hätte man der Mahnung des vielbewunderten Mannes aufmerksamer zugehört. Daß dies nicht geschehen konnte, war ein Unglück.

Aber es ist doch wieder eine Gunst des Schicksals, daß in unserem Nachbarland das Staatsoberhaupt von Zeit zu Zeit mit seiner weithin tönenden Stimme Wahrheiten über die Sowjetunion verkündet, die abweichen von dem Klischeebild, das man uns so lange vorgesetzt hat. Er will seinem Volke dienen, aber er nützt auch uns, wenn wir uns bemühen, ihn zu verstehen.