München

Dort, wo in deutschen Landen die Politik krachlederne Hosen trägt, scheint es keinen bedeutenden Vorgang ohne Skandal und ohne Affären zu geben. Bayerns Politiker haben es wieder einmal geschafft: Das 800-Millionen-Projekt eines neuen Flughafens für München ist solange aufgeschoben, und zerredet worden, daß nun keine Aussicht mehr besteht, in absehbarer Zeit die Entscheidung des bayerischen Kabinetts zu erreichen. Die Landtagswahlen stehen am 20. November vor der Tür, und schon seit Wochen schielen alle Redner auf diesen Termin.

Die Abgeordneten und Minister bedienen sich dabei des Prinzips des heiligen Sankt Florian, meint Münchens Oberhaupt, Hans-Jochen Vogel. „Verschon’ mein Haus, zünd andere an.“ Denn je nach Lage des Wahlkreises fällt die Einstein lung zu den drei Standorten aus, die von Sachverständigen – in Gutachterbergen für rund eine halbe Million Mark – ausgesucht wurden: Sulzemoos, Hörlkofen oder Hofolding.

CSU-Innenminister Heinrich Junker, in dessen Wahlkreis Sulzemoos liegt, schlägt Hofolding vor. Sein Parteifreund Franz Gleissner, vom Bundestagswahlkreis Miesbach mit Einzugsgebiet Hofolding, ist prompt für Sulzemoos. CSU-Landtagspräsident Rudolf Hanauer, von einem Stimmkreisverband gekürt, dessen Wähler fürchten, von den Flugschneisen belästigt zu werden, protestiert gegen Hofolding. Der CSU-Politiker Hans Drachsler, der bisher vergeblich im Wahlkreis München-Ost kandidiert hatte, will seine Getreuen vom Düsenlärm überhaupt befreien und den derzeitigen Flughafen München-Riem anderswohin verlegt sehen. Der CSU-Vorsitzende von Oberbayern, Landwirtschaftsminister Alois Hundhammer, tritt dagegen für den Ausbau von München-Riem ein, denn Sulzemoos und Hofolding gehören zu seinem Bezirksverband.

Auch die Empfehlung eines Arbeitskreises von Bund, Land und Stadt, den Großflughafen im Hofoldinger Forst an der Autobahn München-Salzburg zu bauen, brachte keine Klärung. Umgehend forderte Ministerpräsident Alfons Goppel „gefühlsmäßig“ den Ausbau von München-Riem, ungeniert von fachlichen Erwägungen, wonach das einfach nicht geht.

Zu guter Letzt sprach sich die Stadt München für das zwischen Augsburg und München an der Autobahn gelegene Sulzemoos aus. Dort aber ist der Boden durchweg bäuerlicher Privatbesitz, auch wären in dem hügeligen Gelände gewaltige Erdbewegungen erforderlich. Hofolding dagegen gehört dem Staat, der dünne „Stangerlwald“ ist kaum besiedelt und überdies auch halbwegs eben.

Wohin auch immer der Flughafen kommen wird, gering sind die Widerstände nirgends. Schon die Militärflugplätze Neubiberg, Fürstenfeldbruck und Erding schnüren den Luftraum um München ein. Und am Militär scheitert die Verhandlungskunst der Bayern. Der schnauzbärtige Wirtschafts- und Verkehrsminister Otto Schedl von der CSU hat eine Abneigung gegen das sozialdemokratische Stadtoberhaupt von München, weswegen er sich monatelang nicht mit dem Flughafenprojekt befaßte. Während jener Verzögerung wurde die Stimmung der Bevölkerung bis zum Siedepunkt angeheizt. „Ohne Blutvergießen kriagt’s den Flugplatz net“ wurde auf einer Bauernversammlung von Sulzemoos unter lautstarkem Beifall des Saales geschrien, und der Sprecher einer vom Ausbau des Riemer Flughafens betroffenen Gemeinde forderte, den Ministerpräsidenten zwangsweise in die künftige Lärmzone umzusiedeln. Bei derart erregter Gemütslage nun wird es kein Politiker vor den Landtagswahlen im November wagen, den Wählern ein Opfer zuzumuten.

Erich Helmensdorfer