Über den militärischen Stand des Vietnamkrieges mag es geteilte Meinungen geben. Diplomatisch ist Washington in diesem Konflikt derzeit im Vorteil – das hat mit seiner Rede vor der UN-Vollversammlung Botschafter Goldberg bewirkt. Nie zuvor sind die Bedingungen, unter denen die Vereinigten Staaten bereit wären, dem Gegner entgegenzukommen, so klar und so gebündelt formuliert worden.

Goldberg hat erklärt, daß die USA zur Einstellung der Luftangriffe auf Nordvietnam bereit seien, wenn Hanoi zu erkennen gäbe, daß es auch seinerseits den militärischen Einsatz vermindern wolle. Weiterhin schlug der amerikanische UN-Vertreter den Abzug aller nordvietnamesischen und ausländischen Truppen aus Südvietnam unter internationaler Aufsicht vor und stellte zudem noch in Aussicht, daß Amerika schließlich auch eine kommunistische Beteiligung an der Regierung in Südvietnam akzeptieren werde.

Dieser Vorschlag, dessen Elemente durchaus nicht neu sind, ist dem Drei-Punkte-Plan U Thants so geschickt angeglichen, daß er in der Vollversammlung zweifellos einen Effekt erzielt hat. So lag der Schwarze Peter plötzlich bei den Nordvietnamesen. Hanoi zögerte nicht lange, ihn wieder loszuwerden, wobei es kräftige Rückendeckung aus Moskau und Peking bekam. Den Amerikanern wurde „Verschleierungstaktik“ und „heuchlerischer Schwindel“ vorgeworfen, und der nordvietnamesische Ministerpräsident sprach sich voller Zorn nochmals gegen jede Intervention der Weltorganisation aus. Das ist im UN-Hochhaus in New York nicht gerade freundlich aufgenommen worden.

Doch was bedeutet der diplomatische Punktsieg für Washington? Der Krieg in Vietnam wird damit nicht beendet – wie denn überhaupt die Hoffnung müßig ist, es bedürfte nur des guten Plans, des richtigen diplomatischen Einfalls, um dem Morden im Dschungel ein Ende zu setzen. Ob und wie es zu einer Lösung im Vietnamkonflikt kommt, ist keine Frage der politischen Phantasie. Es hängt allein von der Interessenkonstellation zwischen den Großmächten ab.

Vietnam ist nicht Subjekt, sondern Objekt der großen Politik, und das gilt für beide Teile des Landes. Im Süden regiert eine Regierung von Washingtons Gnaden. Das mag insofern ein Vorteil sein, als sich das Regime des Generals Ky dem Wunsch der Amerikaner, Frieden zu schließen, nicht ernsthaft widersetzen könnte. Und gewiß wächst – bei allem Großmachttrotz – in den Vereinigten Staaten die Neigung, den Napalmkrieg abzubrechen. Einer Nation, die geliebt sein möchte, fällt es auf die Dauer schwer, der kritischen Weltmeinung zu trotzen.

Wer aber gebietet Hanoi? Zweifellos ist Nordvietnam unabhängiger als Südvietnam, einfach deswegen, weil es zwei Herren gegeneinander ausspielen kann: Moskau und Peking. Und die beiden Herren, einander spinnefeind, haben verschiedene Interessen. Moskau möchte trotz aller schwülstigen Loyalitätserklärungen auf ein Ende dieses Krieges hinwirken, weil es andernfalls einer fatalen Entscheidung nicht ausweichen könnte. Es müßte sich militärisch stärker engagieren und dadurch vollends den Bruch mit dem anderen Nukleargiganten riskieren – einen Bruch, den ja auch Washington um nahezu jeden Preis vermeiden möchte. Oder es müßte riskieren, vor der kommunistischen Welt als blamierte Führungsmacht dazustehen, außerstande, einem bedrohten Bruderland wirkungsvolle Hilfe zu leisten.

Im Dreierspiel der Großmächte hat allein China ein Interesse an der Fortdauer des vietnamesischen Konflikts. Er verschafft erstens Ablenkung von den eigenen innenpolitischen Schwierigkeiten; er stellt zweitens ein willkommenes Erpressungsmittel gegenüber den kommunistischen Kontrahenten im Kreml dar, und er bietet drittens die Chance, den kapitalistischen Kontrahenten auf der anderen Seite des Pazifiks so sehr abzunutzen, daß ihm die Lust am Engagement in Asien vergeht.