Von Sandra Sassone

Rom, im September

Der Weg zur Bildung einer demokratischen Einheitspartei der italienischen Sozialisten ist frei. Am 30. Oktober soll in Rom die Wiedervereinigung von sozialistischer und sozialdemokratischer Partei vollzogen werden. An der Spitze der neuen Organisation, die sich als dritte Kraft zwischen Kommunismus und Democrazia Cristiana etablieren will, wird ein Mann stehen, der vor 18 Jahren die Hauptverantwortung für die sozialistische Spaltung trug und der dennoch jetzt wieder zum Baumeister der sozialistischen Einheit geworden ist: der 75jährige Pietro Nenni.

In Nenni verkörpert sich wie in kaum einem anderen Politiker der Gegenwart der europäische Sozialismus der letzten sechzig Jahre. Eine bewegte Geschichte von Größe und Versagen, Sieg und Niederlage, Klarheit und Zwiespältigkeit, Mut und Ängstlichkeit hat in seiner schillernden Persönlichkeit ihren Ausdruck gefunden. Mehr als einmal hat der kahlköpfige Mann mit der dicken, dunklen Hornbrille gefährliche Unruhe in die italienische Politik getragen. Immer war er unbequem, und er ist es auch als stellvertretender Ministerpräsident geblieben. Denn sein großes Ziel ist, über die Wiedervereinigung der beiden sozialistischen Parteien der Politik seines Landes ein neues Gesicht zu geben, das gegenwärtige in Frage zu stellen. Auf der einen Seite will er die Vormachtstellung der Kommunisten in der Arbeiterschaft brechen, auf der anderen Seite mochte er den Christlichen Demokraten das Monopol der Macht beschneiden, ja streitig machen.

Nenni wurde am 9. Februar 1891 in Faenza in der Romagna geboren; sein Vater war Landarbeiter, seine Mutter Milchverkäuferin. Mit 16 Jahren trat er aus den Toren eines Waisenhauses, in dem er ein Jahrzehnt verbracht hatte, hinaus ins Leben. Schon ein Jahr später lernte er zum erstenmal ein Gefängnis kennen: wegen Teilnahme an einer antiklerikalen Demonstration mußte er eine kurze Freiheitsstrafe verbüßen. Er war damals Mitglied der Republikanischen Partei. Seine erste Bekanntschaft mit dem Sozialismus machte er 1911, als Italien der Türkei Tripolis entriß. Die sozialistische Partei in Forli hatte zu einer Protestdemonstration gegen das „koloniale Abenteuer“ aufgerufen, an der sich die Republikaner beteiligten.

Seite an Seite demonstrierten damals die Bezirksvorsitzenden der beiden Parteien, beides echte Söhne der Romagna: der Sozialist Benito Mussolini und der Republikaner Pietro Nenni. Seite an Seite gingen sie danach auch ins Gefängnis, verurteilt wegen „Widerstandes gegen die Staatsgewalt, Mißhandlung von Polizeibeamten, Freiheitsberaubung der zum Wehrdienst Einberufenen und so weiter“.

Zweiunddreißig Jahre später haben die beiden Landsleute dann noch einmal ein Gefängnis geteilt. Das war im Juli 1943 auf der Insel Ponza im Golf von Gaeta. Kurz zuvor war der faschistische Diktator gestürzt und verhaftet worden. Man hatte ihn auf die Insel gebracht, auf der noch die politischen Gefangenen seiner versunkenen Ära auf ihre Befreiung warteten. Unter ihnen befand sich der in Frankreich von den Deutschen ergriffene und an Italien ausgelieferte Pietro Nenni.