Auch er habe, so gestand Willy Brandt am Sonntagvormittag in der Philharmonie, in der die 16. Berliner Festwochen eröffnet wurden, mit dem diesjährigen Motto nicht sehr viel anzufangen gewußt. Der Regierende Bürgermeister muß die Gedanken jener erraten haben, die den offiziellen Almanach aufschlugen und dort von einem „zentralen Thema: Barock“ lasen. Bislang hatten sie „Barock“ für eine kunstgeschichtliche Epoche gehalten – wollte man ihnen nun siebzehn Tage lang Musik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts vorspielen? Oder hatte jemand den Bach-Sohn Johann Christian, Gluck und Haydn, Prokofieff und Paul Hindemith, Saunders und Dürrenmatt, Tanguy und Vasarely aus Versehen jener Epoche zugezählt?

Willy Brandt gab weiter, was Nicolas Nabokov, der künstlerische Leiter der Festwochen, ihn an Belehrung zuteil werden ließ: Barock – das sei nicht Epoche, sondern Lebensgefühl, sei Loslösung, Überschwang, weitausladende, übersteigerte Bewegung; das sei die Zeit der Widersprüchlichkeiten, sei Unersättlichkeit und beginnender Kolonialismus.

Und aus all dem sei der moderne Mensch hervorgegangen: der Mensch, der nach Erkenntnis strebt.

Moderne Menschen werden wir vermutlich alle sein wollen. Nur ob sich das überschwengliche Lebensgefühl immer so recht einstellen will, scheint mir zumindest im Augenblick etwas zweifelhaft. Zweihundert Meter östlich der Philharmonie, etwa ist man gelegentlich ganz anderer Meinung.

Eine neue klangliche Brücke zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert versuchte Boris Blacher mit einer „raumakustischen Gestaltung“ von Johann Sebastian Bachs „Musikalischem Opfer“. Was Bach nach einem Besuch in Potsdam 1747 Friedrich dem Großen zwei- bis sechsstimmig in Fugen, Kanons und einer Trio-Sonate mit der „untadelhaften Absicht, den Ruhm eines Monarchen, ob gleich nur in einem kleinen Punkte, zu verherrlichen“ übersandte, ließ Blacher in der Philharmonie von auf verschiedenen Podien und Emporen verteilten Musikern aufführen, zum nachträglichen Ruhm des Architekten Scharoun.

Und so spielten denn ein Englischhorn vom obersten Rang links und ein Fagott vom obersten Rang rechts einen Canon à 2. Einen anderen Satz verwandelte Blacher in einen Kreis-Kanon: Das Thema läuft, über verschiedene Instrumente, von einer Empore zur anderen, ein Einsatz von links, vorn, rechts, dann wieder von links, und solches sechsmal.

Das ergibt eine ungehörte Klarheit, eine reliefartige Plastik der polyphonen Struktur, alles ist deutlich zu trennen und zu unterscheiden. Nicht so deutlich und klar setzt es sich wieder zusammen: Die Entfernungen sind zu groß, als daß äußerste Präzision erreicht würde. Auch die Fernsehkameras und Tonleitungen, die nach unbefriedigenden Proben schleunigst installiert wurden, konnten den Mangel nicht beseitigen.