Von François Erval

Was geschieht einer hübschen jungen Dame, die leider über kein Vermögen verfügt, nur sehr ungern arbeitet und doch für Luxus eine Schwäche hat? Die Antwort erscheint selbstverständlich: Sie findet einen reichen Beschützer, natürlich im besten Mannesalter.

Nun aber tritt ein unvorhergesehenes Ereignis ein: Die junge Dame verliebt sich in einen ebenso jungen Intellektuellen, dessen finanzielle Möglichkeiten aber bescheiden sind. Dieses klassische Dreieck kennen wir aus unzähligen Boulevardkomödien. Ist der letzte Roman von

Françoise Sagan: „Chamade“, Roman, aus dem Französischen von Edith Schneider; Ullstein Verlag, Darmstadt; 186 S., 14,80 DM

nur eine Boulevardkomödie? Zahlreiche französische Kritiker schienen es zu glauben. Warum, fragte man, begnügt sich Françoise Sagan damit, immer dasselbe Milieu der reichen Leute, der internationalen Kaffeehaus-Society zu beschreiben? Weshalb trifft man bei ihr nie auf Proletarier? Weshalb spricht sie nie über Asien, Afrika oder Südamerika, wo ganze Völker um ihr Brot und ihre Zukunft kämpfen? Françoise Sagan antwortete auf diese naiven Vorwürfe sehr ruhig und sehr klug: Sie kenne eben nur ein bestimmtes Milieu, sie sei nicht mit den Problemen und nicht mit der Sprache der Arbeiter vertraut, und es erscheine ihr natürlich, nur über das zu schreiben, was sie kenne.

Vorwürfe dieser Art gehören in Frankreich zum klassischen Bestandteil einer bestimmten Kritik. Es gibt heute noch immer Leute, die tief bedauern, daß Marcel Proust sich mit Herzoginnen und im allgemeinen mit einer dekadenten Gesellschaftsschicht beschäftigt hat. Wie schön wäre es doch, wenn ein so großer Künstler, wie Proust einer war, wie Zola über Bauern, Arbeiter und Kleinbürger geschrieben hätte, die unleugbar zahlreicher und soziologisch repräsentativer sind als einige Adelige und Mondäne. Diese rein soziologische Kritik ist unbelehrbar.

Nun soll nicht etwa behauptet werden, daß Françoise Sagan Proust ebenbürtig sei. Gewiß nicht. Sie hat tatsächlich nicht die Ambition, das Fresko einer Epoche zu malen. Sie gehört nicht zu der Tradition der Balzac oder Zola, die ihre Zeit vollständig schildern wollten. Sie versucht eher die französische Tradition des psychologischen Romans fortzusetzen, der in seinen besten Werken, von Madame de La Fayette bis Benjamin Constant, immerhin einige zwar kleine, aber unvergeßliche Meisterwerke schuf. Keiner der Romane von Françoise Sagan ist vollkommen geglückt, aber in den meisten finden wir einige Seiten, die Vergleichen mit den großen Vorbildern standhalten.