Die beschwörenden Friedensappelle des Papstes und des UN-Generalsekretärs an die Kriegführenden in Vietnam verhallten nicht ungehört: Am vorigen Donnerstag verkündete der amerikanische UN-Botschafter Arthur Goldberg vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in feierlicher Form ein erneuertes Friedensangebot der USA:

  • Die USA werden ihre Bombenangriffe gegen Nordvietnam einstellen, wenn Nordvietnam seine eigenen militärischen Operationen in Südvietnam einschränkt oder beendet.
  • Alle von außen kommenden Truppen in Südvietnam – also auch die von Nordvietnam – werden nach einem kontrollierten Zeitplan phasenweise zurückgezogen.
  • Die Beteiligung der „Nationalen Befreiungsfront (NLF)“, genannt Vietcong, an etwaigen Friedensverhandlungen ist für die USA kein „unüberwindbares Hindernis“.

Alle diese Vorschläge waren ein Aufguß alter Angebote. Neu war lediglich der Zusatz, daß den USA schon eine „Einschränkung“ der nordvietnamesischen Operationen in Südvietnam genügte (Eine britische Zeitung bemerkte zum Punkt 1, die entsprechende De-Eskalation der anderen Seite wäre die Einstellung der Luftangriffe gegen Nordamerika). Entgegenkommen verriet ebenfalls die Bereitschaft Washingtons, sich schon mit einer geheimen Zusicherung aus Hanoi zufriedenzugeben.

In Moskau, Peking und Hanoi wurde das amerikanische Angebot allerdings sofort als Heuchelei und Friedensschwindel verdammt. TASS kommentierte, Washington wolle bedingungslose Friedensgespräche führen, „vorausgesetzt, daß alle Bedingungen der Vereinigten Staaten erfüllt werden“.

In der Tat würde Ho Tschi Minh, ginge er auf das Angebot ein, die amerikanische These übernehmen, daß es sich um einen Aggressionskrieg Nordvietnams gegen Südvietnam handele und nicht, wie es die Kommunisten sehen, um einen Bürgerkrieg in Südvietnam, den das gesamte vietnamesische Volk führt. Zugleich würde Ho zugeben, daß der Luftkrieg gegen Nordvietnam nicht nur rechtens, sondern auch erfolgreich war, denn die Bomben sollten ihn ja an den Konferenztisch treiben. Offensichtlich gibt Hanoi die Sache des Vietcong noch nicht verloren; andernfalls würde es nicht weiterhin so starr auf seinem Vier-Punkte-Programm bestehen, das vor allem vorsieht

  • den Abzug der US-Truppen und die Schleifung der US-Stützpunkte,
  • die Anwendung der militärischen Bestimmungen des Genfer Indochina-Abkommens,
  • die Selbstverwaltung Südvietnams entsprechend dem Programm der NLF und
  • die Wiedervereinigung Vietnams ohne fremde Einmischung.

US-Außenminister Rusk hat schon früher erklärt, über drei der vier Punkte Hanois ließe sich reden, aber niemals könne Amerika die NLF als „den einzigen Repräsentanten des südvietnamesischen Volkes anerkennen“, wollte es nicht Südvietnam und das Militärregime Ky aufgeben.