Von Hermann Lewy

Friedrich Oppler: Das falsche Tabu. Betrachtungen über das deutsch-jüdische Problem. Seewald Verlag, Stuttgart; 331 S., 19,80 DM

Das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in Deutschland ist immer noch starker Belastung ausgesetzt. Sie entspringt einerseits alteingewurzelten Vorurteilen und basiert anderseits auf den Geschehnissen unter dem Hitlerregime, die durch die Begriffe Auschwitz und „Endlösung der Judenfrage“ gekennzeichnet werden. Der religiösen Judenfeindlichkeit versuchen die Kirchen entgegenzuwirken, aber die Abkehr ist nicht so durchgreifend zu erreichen, wie es Gutwillige möchten. Für Juden wie Nichtjuden gleicht der „andere“ einem lebendigen, stets mahnenden Erinnern an Vorgänge, an die beide naturgemäß nicht ohne Schmerz oder Gewissensbisse zurückdenken können.

Vielen Deutschen ist durchaus bewußt, daß es die Demokratie schwer haben wird, von der Umwelt so anerkannt zu werden, wie sie es wünschen, solange noch judenfeindliche Ausschreitungen vorkommen, wie sie sich gerade in jüngster Zeit unter anderem auch in Berlin ereigneten. Daher wird jedes ernstgemeinte Unterfangen, ein gutnachbarliches Leben zu ermöglichen, von allen begrüßt werden, die erkennen, daß Judenfeindlichkeit in Deutschland ein Rückfall in die Barbarei bedeutet und zu einer neuen Katastrophe führen kann. Aber wie ist es zu erreichen, daß die Hindernisse aus dem Wege geräumt werden?

Friedrich Oppler, pensionierter Landgerichtsdirektor in Berlin, fühlt sich befähigt, eine Lösung oder – wie er sagt – „einen Weg mit dem Ziel der Entspannung“ zu zeigen. Warum? In seinem Vorwort zu seinem Buch heißt es: „Der Verfasser ist jüdischer Abkunft, christlichen Bekenntnisses (evangelisch). Er steht gewissermaßen auf einer Brücke, die zwei Ufer verbindet.“ Schon die Anwendung des Begriffes „deutsch-jüdisch“ ist nicht dazu angetan, die Kluft zu überwinden, die das nationalsozialistische System geschaffen hat. Sie vertieft sie durch die wie Antipoden wirkende Gegenüberstellung von „deutsch“ und „jüdisch“. Auch das vom Autor gewählte Bild der „beiden“ Ufer besagt, daß an dem einen die Juden leben und an dem gegenüberliegenden die Christen – Antisemiten.

Sowenig es möglich ist, die eine Seite „weiß“ und die andere „schwarz“ zu zeichnen, sowenig können die aus dem Judentum Konvertierten und „die“ Christen dem Lager der Antisemiten zugerechnet werden. Das will wohl Oppler selbst nicht. Der Autor ist sich in seinen Darlegungen selbst derart unsicher, daß er Menschen, deren Vorfahren einmal der jüdischen Religion angehörten, immer noch als Juden bezeichnet, so den Sozialisten Karl Marx und den Enkel von Moses Mendelssohn, den Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, und viele andere mehr. Er betreibt damit Rasseforschung mit umgekehrten Vorzeichen.

Obwohl Oppler auf Seite 292 sehr richtig anführt, daß der Rassegedanke zu den Untaten des „Hitlerismus“ führte, und er auf Seite 49 von pseudowissenschaftlicher Rassenlehre spricht, verwendet er in Überfülle pseudowissenschaftliche Termini wie „rassische Struktur“, „rassische Substanz“, „rassische Wurzel“ (Seite 48ff u.a.O.) mit Bezug auf das Judentum, obgleich er wohl wissen müßte, daß Antisemitismus und Rassenlehre für die Masse der Deutschen identisch sind und daß der Antisemitismus eine außerordentlich wirksame, gefährliche Konkretisierung der Rassendoktrin ist.