Der Name „Veltlin“ wird auf der zweiten Silbe betont, weist also nicht auf eine mittelhochdeutsche Diminutivform, sondern auf eine neuhochdeutsche Verballhornung des italienischen Namens Valtellina. Er bezeichnet ein Tal, durch das die Adda fließt, im Frühjahr am Wachstum ihrer Ufer zerrt und im Herbst, sich zerfasernd, Kiesbänke freigibt. Es ist 120 Kilometer lang und windet sich vom Stilfser Joch bis Bormio, schlängelt sich, schon ein wenig breiter, von Bormio bis Tirano, zieht sich in ein paar ausladenden Kurven von Tirano bis Morbegno und dehnt sich von hier in einer kurzen, aber breiten Durststrecke bis zum Comer See. Aber jeder Veltliner – ich meine den Bewohner und nicht den Wein – besitzt seine eigene Veltliner Welt, und einer aus Bormio hat, zumindest was sein Heimatgefühl betrifft, mit einem aus Morbegno weniger gemeinsam als ein Berchtesgadener mit einem Büsumer, die zumindest beide – ich habe es selbst gehört – in gehobener Stimmung die gleichen schlimmen Lieder anstimmen.

Das obere Veltlindrittel ist meine Landschaft nicht: Baumloses Hochgebirge habe ich auch zu Hause, wenn ich nach Norden aus meinem Schlafzimmerfenster sehe. Meine Landschaft ist der mittlere Teil. Sie beginnt dort, wo die Weinberge beginnen, also bei Tirano, genauer gesagt, beim Servitenkonvent von Madonna di Tirano, wo ich meinen Freund Padre Camillo abhole, um mit ihm fünfzig Kilometer Adda-abwärts zu fahren, zu einem anderen Freund, Angelo, Maler, nach Regoledo di Cosio, wo mein Veltlin und die Weinberge aufhören. Der Rest ist Erwartung des Sees und Verheißung einer anderen Landschaft. Zwischen Camillo und Angelo liegen ein paar Städtchen: Sondrio zum Beispiel, die Provinzhauptstadt, wo ich Kaffee trinke und Artischocken kaufe oder Käse aus Livigno in vier verschiedenen Reifegraden; oder Chiuro, wo das Unerwartete in Form alter Patrizierhäuser mit schönen Innenhöfen unentdeckt und beinah unentdeckbar schlummert. Auch andere Orte liegen am Weg, aber ihre Namen sind weniger wichtig als die der oberhalb liegenden Weingüter und ihrer Sorten: Sassella, Valgella, Grumello, Fraccia (weiß) und – als Extreme der Skala – Inferno und Paradiso.

Es wird dem Leser kaum entgangen sein, daß meine Landschaft eng mit ihrem kulinarischen Angebot verknüpft ist, und es ist nicht meine Absicht, aus dieser Neigung einen Hehl zu machen. Ich möchte aber nicht das gastronomische Bild einer unentdeckten Côte d’Or heraufbeschwören. Der Veltliner Wein ist streng und herb, der Genuß an ihm ist der Preis für längere Gewöhnung. Er ist Getränk und nicht kostbare Bodenbenetzung eines Napoleonglases. Auf Kauen oder Schlürfen reagiert er nicht, er belohnt den durstigen Schluck, man möchte sich am liebsten danach mit dem Handrücken über den Mund fahren. Die Veltliner Küche ist rustikal, vordergründig, unraffiniert, allerdings kräuterreich, sie kombiniert nicht bis zur Unkenntlichkeit, sondern serviert lapidar die zubereitete Grundsubstanz. Meine Landschaft ist für Esser und Trinker, aber nicht für Weinkenner und Feinschmecker, obzwar diese grünen Spargel hier mit dem Schwetzinger Gewächs gleichen Namens wenig mehr gemeinsam haben als die phallische Form. Wer sie – frisch gestochen – gekostet hat, der wird in Zukunft zu ihren Gunsten den Begriff „Spargel“ enger fassen.

Dem abstinenten oder asketischeren Betrachter, dem spartanischen Wanderer oder Bergsteiger bietet das Veltlin weniger, es fordert die Aktivität nicht heraus. Von dem betrachteten Gegenstand kosten, ihn schmecken zu wollen, sind nur Teile des Verlangens, ihn in sich aufzunehmen, sich ihm mit allen verfügbaren Sinnen und ganzem Bewußtsein zu nähern; man muß sich der Landschaft überlassen, ihren Zeiten und Wettern und Gewittern und Metamorphosen, ihrer Gegenwart und ihren Vergangenheiten und ihre Zukunft vergessen –, muß sich ihr hingeben, in ihr versinken, anstatt sie aktiv zu durchmessen. Wer nicht mehr in ihr sieht als eine pittoreske Anhäufung sehenswerter Gegenstände, der ist um nichts besser als ein potentieller Amateurphotograph (um mich eines harten Wortes zu bedienen). Ihm entzieht sich das Veltlin. Es läßt sich nicht festhalten – jedenfalls nicht mein Teil –, ist in dauerndem Wechsel, seine Bergseiten fließen in Wellen dahin und verdrängen einander, es schwingt, schmilzt fluktuiert, es fesselt den Blick nicht, sondern läßt ihn schweifen, und mit ihm die Einbildungskraft; sie setzt zu dem lebenden Bild den historischen Kontrapunkt: da das Veltlin in der Geschichte immer nur der leidende Teil war – es litt unter Mailänder und Graubündner Herrschaft, unter französischer, spanischer und österreichischer Besatzung – hat es, außer antifaschistischen Widerständlern (zu denen Padre Camillo und Angelo gehörten), keine historischen Helden zu bieten. Daher hat hier die Geschichte auch keinen Ansatz zu den Lügen gefunden, aus denen sie größtenteils besteht. Wahrheit also und Widerstand, Wein und Leiden und die Früchte des Landes bieten sich als Erlebnis dem Betrachter an, der über das Optische hinaussieht, nicht aber dem photographischen Betrachter, der „das Grandiose“ mit „dem Lieblichen“ zu vereinen sucht; der steht woanders und versucht, vor einer blühenden Bergwiese Jungfrau, Mönch und Eiger zusammen ins Blickfeld zu bekommen, und wenn er etwas bedauert, so ist es nicht, daß er nur mit einem seiner fünf Sinne aufnehmen kann, sondern daß ganz hinten nicht auch noch der Piz Palü zu sehen ist. Ich weiß nicht, ob es dem Leser schon aufgefallen ist: Die beiden Sujets, die auf Photographien immer gleich aussehen, sind Ballett und Alpenwelt.

Aber wer eine Landschaft beschreibt, der ist leider auch nicht viel besser als wer sie Photographiert. Beschreibe das Veltlin, seine gestuften Weinberge, die Edelkastanienwälder an den Hängen, dazwischen die Kirchtürme wie Ausrufezeichen am Ende langgestreckter oder versteckter Dörfer, beschreibe die Torbögen mit Durchblicken auf totgetretene Treppen und tiefschwarze Mauerlöcher, setze sie in ein Verhältnis zueinander, teile es mit, und schon ist das Bild weg, fortgeblasen; kein Leser wird sich unter diesem Arrangement auch nur das geringste vorstellen können. Wem hätte eine Landschaftsbeschreibung jemals das Bild vermittelt, das der Vermittler meinte? In Adalbert Stifters Landschaft sieht jeder etwas anderes, aber wahrscheinlich keiner das Wirkliche.

Beschreibe daher die Unmöglichkeit der Beschreibung: Führe die Landschaft als statisches Bild ad absurdum, mach dein Opfer schwindlig, raube ihm den Atem mit dem Wechsel, rühre die Landschaft um, fahre mit ihm, an einem Sommerabend etwa, zuerst die Straße entlang, als hättest du ein Ziel. Die Straße ist ein negativer Punkt meiner Landschaft, beinahe eine Belastung, sie säumt sich zusehends mit unsäglichen Häusern, jedes einzelne ein Beweis, daß Architektur mit Hausbau so wenig zu tun hat wie leider die Kunst mit dem Leben. Dennoch sind diese winkelfreudigen farbenreichen Alpdrücke aus Beton phantasievolle Kreationen, sie entspringen einem Geist, der das Schöne will, aber das Häßliche schafft, und sind bei weitem den deutschen Reihenhäusern vorzuziehen, die da in Reih und Glied stehen, um die angebrochene Herrschaft der tristen Uniformität mit ehernem Ernst zu salutieren.

Lassen wir das, zweigen wir im rechten Winkel ab, und fahren hinein in die flachen Wiesen, wenn sie nicht gerade, wie oft, überschwemmt sind, und in denen, in Gruppen wie hingewürfeltes Riesenspielzeug oder in Reihen wie aufgebaute Kegel, immer aber willkürlich und zu grotesken Stangen oder Klumpen gestutzt, die Weiden stehen –, wir fahren zwischen ihnen hindurch zum Bergrand, und dann in einer jähen Kurve hinauf, mitten durch ein Dorf, ein wenig langsamer, vorsichtig, damit wir nicht beiderseits Hausmauern streifen, die zwar rissig sind, aber nicht einstürzen – sie stehen seit dreihundert Jahren – und an seiner anderen Seite wieder hinaus ins Freie; jetzt durch die Weinhänge, es schwingt und pendelt steil hinan und hinein in die Kastanien – in ihrem Schatten macht die Straße eine Kehre, und wir haben die andere Bergseite schräg vor uns oder über uns, das südliche Massiv, das zwar nicht mehr zu Berninahöhe, aber doch hier und dort noch zu Zugspitzhöhe ansteigt, bevor es im Süden sanft zur Po-Ebene abfällt; die Bergamasker-Alpen, aus deren Tälern Arlecchino kommt und Tartaglia, die Verschlagenen und die Tölpel – die Feinen, der Capitano und der Dottore, kommen aus Venedig –, hier schöpft der italienische Geist sein geringes Quantum Bauernschlauheit – viel braucht er ja nicht –, hier gibt es, das wußte schon Shakespeare, Fastnachtsmaskeraden und Tanz, derbe Gesichter, deren Züge zum Überdimensionalen neigen, es waltet hier Unheimliches und doch Anheimelndes – immerhin ist der liebenswerteste Mann des Jahrhunderts, Papst Johannes, hier geboren, der ja auch nicht gerade eine Schönheit war –, aber wir kehren und haben eine andere Sicht, das Bergamaskische liegt schräg hinter uns, wir fahren rechts vorbei an einer Kirche mit einem ungeheuerlichen Atrium, das man als Bauerngotik bezeichnen möchte, links an einer Wallfahrtskirche in spanischem Stil, von Spaniern erbaut, und wieder hinab, im Licht der weißen Mauern, im Schatten der dunkelgrünen Kastanien, und wir sind an einem Ziel, in einer Trattoria auf einem windigen Vorsprung im Wein, im Garten stehen Blumentöpfe, Mauerreste, Palmen, Fiats, Gießkannen und ein Hund, und unter uns liegt im Licht des Abends die Adda, zu vielen Armen und Fingern zerfranst, wie ein hingestreckter Blitz.