Lohnt sich so eine Messe? Was kostet es einen Verlag, in Frankfurt präsent zu sein – und welchen Nutzen hat er davon?

Der erste Teil der Frage läßt sich einigermaßen präzise beantworten. Drei typische Beispiele dazu (der Diskretion halber verundeutlicht, aber nicht erfunden): Einer der wenigen wirklich großen Verlage, eine Firma mit einem Jahresumsatz von sagen wir 15 Millionen DM, die nicht nur mit einem großen und großartig ausstaffierten Stand vertreten ist, sondern auch noch alle Welt ein- oder zweimal in ein teures Hotel zu kaltem Büfett und Sekt bittet, eine Firma also, die ob ihres Aufwands viel bewundert, viel geschmäht wird, gibt für die ganze Herrlichkeit (Standmiete, Dekoration, Empfänge, Spesen der zahlreich in Frankfurt vertretenen Mitarbeiter) rund 11 000 DM aus – das sind etwa 0,7 Promille ihres Jahresumsatzes. Ein mittlerer Verlag – sein Jahresumsatz betrage 1,2 Millionen DM – kommt mit 5000 DM aus (kleinerer Stand, keine Empfänge, vier oder fünf Mitarbeiter in Frankfurt): das sind etwa 4 Promille des Jahresumsatzes. Ein sehr kleiner Verlag, bestehend aus einem Verleger und einer Sekretärin (Jahresumsatz: 300 000), der keinen Pfennig zu verschwenden hat, übt sich in größter Sparsamkeit: Kein einziges Mal setzt der Verleger den Fuß in eins der teuren Hotels, wo die mondänen Kollegen verkehren, er wartet nicht wie jene lange vor dem Messegelände auf ein Taxi, sondern nimmt die Straßenbahn, bei ihm wird kein Besucher mit Orangensaft und Sekt traktiert. So kommt er vielleicht mit 1800 DM aus – das sind 6 Promille seines Jahresumsatzes.

Es ergibt sich also eine in zweifacher Hinsicht paradoxe Situation. Der Verleger, der in Frankfurt den sichtbarsten und üppigsten Aufwand treibt, treibt – gemessen an seiner Betriebsgröße – den geringsten; der bescheidenste Verlag treibt den größten. Das ist das eine. Das andere: der kleine Verlag, der sich die Präsenz in Frankfurt finanziell am wenigsten leisten kann, kann es sich auch am wenigsten leisten, nicht in Frankfurt präsent zu sein, er gäbe sich denn selber auf. Die Bücher, die noch auf der Messe an den Buchhandel verkauft werden, decken zwar meist die Kosten. Aber sie würden zum größten Teil ohnehin verkauft – solange der Verlag auf sich aufmerksam zu machen weiß. Und in Frankfurt vertreten zu sein, ist das allermindeste, was er tun kann, um auf sich aufmerksam zu machen.

Lohnt sich die Messe? Inmitten einer kriselnden Wirtschaft verzeichnete der Buchhandel in den ersten acht Monaten dieses Jahres eine Umsatzsteigerung von 11 Prozent – das Geschäft scheint zu blühen; eine Krisenmesse war dies nicht. Dennoch weiß man, daß einige Dutzend Verlage zum Verkauf stehen. Und von manchem kleinen Verleger hört man, daß er seine Chancen skeptischer denn je beurteilt. Die Kalkulation wird ihm zusehends schwerer. Die Herstellungskosten steigen, aber er wagt nicht, die Ladenpreise im gleichen Maß steigen zu lassen, und zwar mit gutem Grund: Während der Durchschnittsladenpreis von 13,60 DM (1964) auf 15,28 DM (1965) stieg, sank im Sortiment der Umsatz pro Kunde von 9,80 DM (1964) auf 9,40 DM (1965). Das heißt, es waren mehr billige Bücher gefragt als zuvor – der Käufer scheint „preisbewußter“ zu werden. Die Buchhändler bestätigen es – vor allem auch für den Taschenbuchmarkt.

Außerdem kann der kleine Verleger immer weniger auf dem immer wichtigeren internationalen Lizenzenmarkt mithandeln: Die Vorschüsse für die erfolgsträchtigen Bücher kann er nicht bezahlen, und er würde die Rechte auch schon darum nicht bekommen, weil er nicht soviel für sie „tun“ kann wie die großen Verlage. Und die prominenteren deutschen Autoren werden ihm aus Freundschaft vielleicht das eine oder andere Nebenwerk überlassen, sich im übrigen aber einem finanzstarken Verlag anschließen, der für sie einen großen Apparat einsetzen kann oder ihnen gar jahrelang ein als Honorarvorschuß deklariertes Fixum zahlt, eine Art meistens verlorenen Dichtkostenzuschuß. Erfolg bringt Erfolg, Geld bringt Geld – auch im Verlagswesen. Und viele sagen den Kleinverlagen, so wenig viele von ihnen noch heute aus dem literarischen Leben fortzudenken scheinen, eine trübe und immer trübere Zukunft voraus.

Lohnt sich die Messe? Die Messe? Es gibt deren mehrere: die des Autors, der wütend, aber im treuen Dienst an der eigenen Publicity das neueste Werk in ein Mikrophon nach dem anderen erläutert. Die Messe des Literaturredakteurs, den gekränkte Autoren und sich übergangen fühlende Verleger vorzunehmen entschlossen sind.

Und wenn das nur Messeaspekte von Nebenpersonen wären: zwei Messen gibt es bestimmt, die internationale, die mondäne Messe, auf der Lizenzen gehandelt, Koproduktionen arrangiert, Gemeinschaftsprojekte ausgedacht, Gerüchte großen Stils getauscht werden. Und daneben, so gut wie ohne Berührung mit ihr, die Messe der vergleichsweise Armen, die sich freuen, wenn irgendein wichtigerer Buchhändler an ihrem Stand Halt macht.