New York, im September

In der Satzung der Vereinten Nationen über Zweck und Grundsätze der Weltorganisation nimmt der Hinweis auf ihre wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und humanitären Aufgaben nur drei Zeilen ein. Heute aber beanspruchen diese Aufgaben achtzig Prozent des Apparates der UN – ihrer Tätigkeit und ihrer Mittel. Von den hiermit befaßten Organen, dem Wirtschafts- und Sozialrat und den zwanzig Sonderorganisationen (die Bundesrepublik ist in allen vertreten) ist wenig die Rede, jedenfalls im Vergleich zu den politischen Funktionen der Vollversammlung, des Sicherheitsrates und des Generalsekretärs.

Aber die Praxis sieht ganz anders aus. Die tatsächlichen Gemeinschaftsaufgaben der Weltorganisation lassen sich nur mit Hilfe ihrer Sonderorganisationen bewältigen. Von der Internationalen Arbeitsorganisation bis hin zum Kinderhilfswerk der UN werden mit relativ bescheidenen finanziellen Mitteln gute und dauerhafte Leistungen erzielt, vor allem in den Entwicklungsländern. Sie schaffen eine Realität in der internationalen Kooperation, die einigermaßen krisenfest ist, und sie entwickeln auch die Ansätze für viel größere Gemeinschaftsleistungen, die dann in Angriff genommen werden könnten, wenn die klassische Rivalität der Mächte einmal einer „Weltordnung“ Platz machen würde.

Hier liegt der eigentliche Wert der Vereinten Nationen, der unmerklich ihren sonst so sehr gefährdeten Bestand sichert. Die Vereinten Nationen könnten schon jetzt eine ganz andere Bedeutung erlangen, wenn sie für diese wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und humanitären Aufgaben mehr Aufträge erteilen würden. Gelänge das, wäre weniger von den Dauerkrisen und der Schwäche der Vereinten Nationen die Rede.

Die Krisen ergeben sich aus der Überbetonung der politischen Kompetenzen, den Missionen der Friedenserhaltung, der Friedensherstellung und Friedenssicherung bei internationalen Konflikten. Gewiß standen bei der Gründung der Vereinten Nationen die Ideale der kollektiven Friedenssicherung durch eine internationale Streitmacht und der allmähliche Verzicht auf nationale Souveränität sehr im Vordergrund. Aber die Konstruktion der Vereinten Nationen war dafür von Beginn an untauglich. Ihre Existenz wurde anfänglich vom Kalten Krieg überschattet, ihre ersten Jahre waren bestimmt vom Antagonismus zwischen der Sowjetunion und Amerika, das damals noch die Mehrheit sicher kommandieren konnte. Die friedenerhaltende Funktion der UN blieb am Haken des Vetos im Sicherheitsrat hängen, den beide Weltmächte mit dem gleichen Eifer eingenagelt hatten.

Die Vereinten Nationen konnten in Palästina, im Suezkrieg, im Kongo, im Kaschmir-Streit und auf Zypern vermittelnd und gelegentlich militärisch in Erscheinung treten; sie konnten auch – wegen der damaligen Abwesenheit der Sowjets im Sicherheitsrat – den amerikanischen Interventionstruppen in Korea sogar einen UN-Mantel umhängen. Doch gelang es nie, der Weltorganisation wirklich militärische Autorität zu verleihen, ihr ein schnelles Eingreifen in Konflikte zu ermöglichen oder auch nur das notwendige Geld zur Verfügung zu stellen. Die großen und auch die mittleren Mitgliedstaaten waren nie ernsthaft bereit, die ultima ratio ihrer nationalen Politik – den Einsatz bewaffneter Macht – an die UN zu delegieren. Für sie galt stets Artikel 51 der Satzung als unwidersprochene und ausreichende Entschuldigung; jener Artikel also, der das individuelle und kollektive Recht zur Selbstverteidigung so unangefochten läßt, als gäbe es gar keine Absicht, den Krieg unmöglich zu machen.

So entwickelten sich die Vereinten Nationen innerhalb ihres politischen Auftrages, „den internationalen Frieden und die Sicherheit zu erhalten“, zur vielgescholtenen Schwatzbude. Im besten Fall konnten sie den Großmächten, wie bei der Aufhebung der Berliner Blockade oder bei der Beilegung des Kaschmir-Krieges, als Kulisse für Verständigungsgespräche dienen.