Drei verlegerische Großunternehmen, die auf dieser Messe vorgestellt wurden, gibt es jeweils doppelt: Sowohl Bärmeier & Nikel wie Diogenes bereiten gleichzeitig umfangreiche Jules-Verne-Ausgaben vor, sowohl der Deutsche Taschenbuchverlag wie Rowohlt geben Taschenbuchlexika heraus, sowohl Hanser wie Insel haben eine preiswerte Schiller-Ausgabe veröffentlicht, von denen jede auf eine hohe Auflage angewiesen ist.

Ist da immer einer zuviel? Daß zwischen den betroffenen Verlagen eitel Eintracht herrsche, das allerdings kann nicht behauptet werden. Aber vielleicht erweist sich an dem vielfachen Exempel, daß eine solche unerwartete Verdoppelung auch ihre Vorteile hat, und zwar nicht nur für den Bücherkäufer, dem die Anstrengungen des unmittelbaren Wettbewerbs zugute kommen.

Ob der Versuch einer Jules-Verne-Wiederbelebung in Deutschland überhaupt eine Chance hätte, ob sich der französische Erfolg hierzulande wiederholen würde, war fraglich. Das ist es nicht mehr: Von den ersten beiden Bänden der Bärmeier & Nikel-Ausgabe sind je neuntausend verkauft, von den ersten beiden Diogenes-Bänden je sechstausend. Und der Leser hat tatsächlich eine Wahl: Bärmeier & Nikel hat seinen Verne beträchtlich gekürzt, um ihn als action-Autor vorzustellen, Diogenes läßt den seinen vollständig. Wer vor allem „Handlung“ will, wird zu den knallgelben B & N-Bänden greifen; wer lieber selber entscheidet, welche Partien eines Buches ihm nicht gefallen, zu der dezenteren Diogenes-Ausgabe. Beide Editionen aber haben einander genützt: Erst die doppelte Werbung hat das Interesse des Publikums in diesem Maß geweckt, ja, das Kuriosum der Verdoppelung an sich schon hat sich als werbewirksam erwiesen.

Die vielen Lexika, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden oder noch in Vorbereitung sind (allen voran die neue, große, zwanzigbändige „Brockhaus Enzyklopädie“, deren erster Band soeben erschien), haben den und jenen veranlaßt, von einem lexikalischen Zeitalter zu sprechen, in das wir eingetreten seien. Erklären kann das Phänomen niemand, es sei denn mit Floskeln wie der vom steigenden Informationsbedürfnis (aber warum steigt es? und warum gerade jetzt?). Wie konstituiert sich auf dem amorphen Büchermarkt plötzlich eine Strömung, eine Mode, ein Trend? Niemand weiß es. Eine Antwort: eben durch Parallelaktionen.

Daran, daß Lexika zu einem Massenartikel werden, ist seit einigen Tagen jedenfalls nicht mehr zu zweifeln. Der dtv bringt eine überarbeitete und aktualisierte Taschenbuchausgabe des fünfbändigen „Neuen Brockhaus“ heraus, verteilt auf zwanzig Taschenbücher in rotem, flexiblem Kunststoff; die ersten beiden Bände erscheinen im Oktober, abgeschlossen wird die Ausgabe 1968; der Band kostet 4,80 DM, das gesamte Lexikon also 96 DM (gegenüber 205 DM der gebundenen Originalausgabe). Rowohlt druckt schneller – und darum auch unverändert – in neun Taschenbüchern das dreibändige „Duden Lexikon“ nach; schon im November wird es vollständig vorliegen; der Band kostet 3,80 DM, das gesamte Lexikon also 34,20 DM (gegenüber 54 DM der gebundenen Originalausgabe). Beide Verlage haben sich gegenseitig zu einer beim Taschenbuch ungewohnten Druckqualität angespornt – haben sie sich auch behindert? Rowohlt rechnet vorerst mit einer Mindestauflage von 100 000 – verkauft sind bereits 75 000. Der dtv will mindestens 50 000 Käufer finden; gefunden hat er schon 40 000. Die Rechnungen beider Verlage gingen auf, besser, als sie es sich hätten träumen lassen; und nicht schlechter steht der Verlag Droemer Knaur da, der sein eigenes einbändiges Lexikon (12,80 DM) in einem einzigen Taschenbuchband zu 6,80 DM herausgebracht hat und damit, rechnet, daß er ohne Mühe 200 000 Käufer finden wird.

Nicht nur sind sich solche Parallelaktionen also offenbar gegenseitig nicht im Wege; es scheint sich noch etwas anderes zu zeigen: daß nämlich das Taschenbuch der gebundenen Originalausgabe nichts anhaben kann, im Gegenteil, daß das Taschenbuch, welches in ganz andere Leserkreise vorstößt, der Originalausgabe sogar nützt.