Denken, Beobachten, aus dem Gesehenen Schlüsse ziehen und auf diese Weise allgemeingültige Erkenntnisse gewinnen: das war seine Stärke. Doch nicht dies allein ließ ihn einen der tiefsten Einschnitte in der Geistesgeschichte herbeiführen. Neu und entscheidend war, daß er die Unmöglichkeit einsah, nur mit Hilfe der Vernunft, das heißt bloß durch logisch-begriffliche Operationen irgend etwas über die Existenz oder das Kausalverhältnis wirklicher Dinge „auszumachen“. Andererseits könne man auch – so lehrte er – aus den „gegebenen“ Begriffen allein der Realität nicht beikommen. Zu erkennen, was wirklich ist, müsse also, meinte er zu Recht, ein ziemlich komplizierter Vorgang sein, von dem noch dazu gar nicht immer feststeht, ob er tatsächlich zum Ziel führt.

Diese Schwierigkeit zeigte sich manchmal sogar bei ihm selber; auch er kam zuweilen zu „festen Wahrheiten“, die einigermaßen überraschten. So zum Beispiel in seinem Kampf gegen die Wanzen in seinem Schlafzimmer. Durch einen Fehler im Beobachten war er zu einer eigenen Hypothese über ihre Erzeugung und Vermehrung gekommen, mit der er absolut allein blieb.

Um sein Schlafzimmer, das ziemlich sonnig lag, kühl zu halten, ließ er tagsüber die Fensterladen dicht geschlossen. Einmal jedoch, als er für ein paar Tage verreiste, vergaß er oder sein Diener, die Laden zu schließen. Und als er wiederkam, merkte er nach kurzer Zeit, daß er Wanzen hatte. Da er überzeugt war, vorher keine gehabt zu haben, und auch die Möglichkeit ausschloß, die Wanzen von der Reise mitgebracht zu haben, kam er zu dem Schluß, das Sonnenlicht müsse zur Existenz und zur Vermehrung jenes Ungeziefers unbedingt erforderlich sein. Und weiter schloß er dann: Wenn man das Schlafzimmer nur wieder – wie zuvor – dunkel halte, dann könnten sich die Tiere nicht weiter vermehren und würden also aussterben.

Von dieser „Erkenntnis“ ließ er sich nicht abbringen. Wenn Zweifel vorgebracht wurden, nannte er als Beweis den Erfolg seiner Methode: Nach jener kleinen Reise wurden die Fensterladen wieder sorgfältig geschlossen gehalten, und schon bald brauchte er über Wanzen nicht mehr zu klagen. Daß sein Schlafzimmer inzwischen gründlich gereinigt worden war, ließ er, der zweifellos zu den kritischsten Denkern aller Zeiten zählt, völlig außer acht (vielleicht, weil man es ihm nicht ausdrücklich gesagt hatte). Er war und blieb davon überzeugt, die Wanzen durch die Finsternis vertilgt zu haben.

Und bis zum Ende seines Lebens bestand er darauf, daß sein Schlafzimmer – inzwischen hatte er die Wohnung gewechselt und lebte in einem eigenen Haus – tagsüber dunkel blieb. Der Erfolg schien ihm die Methode zu rechtfertigen. Doch konnte er nicht wissen, was einer seiner Freunde, der viele Jahre lang für ihn sorgte und dem er die Leitung seines Hauswesens und seines Vermögens anvertraute, später dazu schrieb:

„Ich ließ ihn bei seiner Meinung, sorgte für die Reinigung seines Schlafzimmers und Bettes, wodurch die Wanzen sich verminderten, obgleich die Laden und Fenster, um frische Luft zu schaffen, fast täglich – freilich ohne sein Mitwissen – geöffnet wurden.“

Wer war’s?