Kommt die Rede auf Sylt, dann denkt man an Kampen und Westerland. Ein Dorf indessen, das fernab der Brandungslinie und damit auch außerhalb der Schußlinie der Publicity-Kanoniere liegt, wird mehr und mehr heimlich gerühmt unter den Nordseekennern: Keitum. Die wohl schönste und stilreinste Siedlung registrierte, unbemerkt beinahe, einen unerwarteten Fremdenzulauf. Sie wird auch im Winter empfohlen. Der Ort mit seinen gerade 1800 Einwohnern stellt den Fremden heute 1500 Betten zur Verfügung. Sie sind in der Sommersaison zumeist ausgebucht, obwohl das Dorf lediglich einen kargen Strand am Wattenmeer hat. Doch es blieb nicht verborgen, daß die wirklichen Attraktionen der deutschen Lieblingsinsel in Keitum zu finden sind. Kannte der altgediente Sylt-Gast früher nur einen „Pflichtbesuch“ in dem Dorf, nämlich den in einem renommierten Fischspezialitätenlokal, so mehren sich heute die Gäste, die von der Entdeckerfreude in das ebenso freundliche wie geschäftstüchtige Kleinod am Watt getrieben werden. Außerdem sind zur Westerländer Friedrichstraße, dem großen insularen Flanierboulevard, gerade fünf Autominuten. Und von zehn Gästen, die heute in Keitum absteigen, sind acht gewiß motorisiert. So schrumpfen die Entfernungen ohnedies.

Hinzu kommt, daß in den letzten Jahren das „Image“ des „grünen Dorfes“ (seines reichen Baumbestandes wegen nennt man Keitum so) dadurch stark an Wert gewann, daß sich Mitglieder der Industrie- und Handels-Society entschlossen, hier seßhaft zu werden.

Für ein winziges, dazu noch reparaturbedürftiges Bauernhäuschen verlangt man inzwischen runde 160 000 Mark. Was man in den alten Friesenhäusern, von denen selbst das letzte dem Fremden dienstbar gemacht wurde, heute vermißt, das findet man in den Antiquitätengeschäften wieder: Die Wiegen, die die Großmütter noch schaukelten, kostbare Kacheln, alte Öfen und vor allem Schiffsgerät, Sextanten, Signallampen und Stundengläser. Gäbe es nicht das Friesenhaus, ein Heimatmuseum, in dem alles noch so ist wie vor 50 Jahren, dann wäre bald nichts mehr stilecht in dem Dorf. Denn die geschäftstüchtigen Einwohner lieben Geld über alles.

Nur die Fassaden unter den Dächern aus Reth dulden kaum Konzessionen an die Architektur der Gegenwart. Ein strenges Ortsstatut sorgt dafür, daß Keitum äußerlich bleibt wie es ist. Die Ruhe fernab der Insel-Rennstrecke Westerland–List, der gediegene Snob-Appeal, der dezent in Prospekten anklingt (man kann eigenes Flugzeug, Reitpferd und Golfschläger mitbringen), hat bewirkt, daß mancher Kampen-Freund in den letzten beiden Jahren einen Platzwechsel vornahm. In das Bild paßt auch, daß man in Keitum keine Miß wählt, dafür aber zum Orgelkonzert in St. Severin bittet. Allerdings gibt es auch hier schon Gäste, die, nur um gesehen zu werden, zwei Stunden barocke Kirchenmusik in Kauf nehmen.

Ist St. Severin die älteste, so sorgte Wagner-Enkel Wieland für die jüngste Keitumer Attraktion. Er erwarb eines der Friesengehöfte und machte daraus das kostbarste und eigenwilligste Ferienappartementhaus der Bundesrepublik. Sechs Wohnungen wurden darin mit Geschmack eingerichtet. Die kleinste ist 40, die größte 220 Quadratmeter groß. Die Saisonpreise liegen zwischen 90 und 200 Mark pro Tag. Dazu kommen noch 15 Prozent Bedienung, in denen der Lohn für die Raumpflegerin ebenfalls enthalten ist.

Wieland Wagner hat für die „Ferienfestspiele“ finanzkräftiger Urlaubs-Insulaner die exklusivste Kulisse geschaffen, die ein Privatmieter heute zur Verfügung stellt. Bis ins Detail sind die Zimmer, Nischen, Gebrauchsräume und Dielen mit Kostbarkeiten aus Antiquitätengeschäften ausgestattet. Wenn jemals eine Synthese zwischen antik und modern glückte, dann hier.

Nirgends ist eine Uniformität festzustellen, jedes der Appartements (sie werden über das Sekretariat Wieland Wagner, München, vermietet) birgt neue Überraschungen. Die Ausstattung der Küchen reicht über das normale Geschirr vom Kognakschwenker bis zum Sektkelch. Daneben gibt es Schnellkocher, Toastapparate, Kühlschränke, elektrische Grills, Kaffeemühlen, zum Teil sogar Geschirrspülmaschine und Waschautomat.