Die Schriftstellerei ist, je nachdem man sie treibt, eine Infamie, eine Ausschweifung, eine Tagelöhnerei, ein Handwerk, eine Kunst oder eine Tugend. August Wilhelm Schlegel

Heine-Taler

Der vom Hoffmann und Campe Verlag (Hamburg) gestiftete „Heine-Taler“, ein mit 6000 DM dotierter Preis für junge Lyriker, wanderte in diesem Jahr zum erstenmal. Er ging an den in Karlsruhe lebenden Lyriker und Erzähler Walter Helmut Fritz. Förderpreise erhielten die Salzburgerin Juliane Windhager und Rose Ausländer aus Düsseldorf.

Mach dir ein paar frohe Stunden

Manfred Barthel, der Produktionschef von „Constantin“, hat im Fernsehen (Radio Bremen) den Vorschlag gemacht, eine Filmtheater-Besucherorganisation zu gründen, entsprechend den Theaterabonnements, Schallplattenringen, Buchgemeinschaften. Damit will er die ältere Generation wieder für den Kinobesuch gewinnen. Der Vorschlag könnte mehr Interesse finden, wäre die Kunst gemeint, nicht das Geschäft. Barthel ist nämlich der Auffassung, der deutsche Film solle „Unterhaltung“ bleiben. Wo er doch zum Glück gerade dabei ist, sich aus den Niederungen sogenannter Unterhaltung hochzurappeln.

Erreichte Zukunft

Zum. zehntenmal laufen in diesem Jahr – etwa parallel zu den (West-)Berliner Festwochen – die (Ost-)Berliner Festtage, ein, wie es im offiziellen Almanach heißt, „lebendiger Ausdruck unserer sozialistischen Kulturentwicklung“. Vierzehn Tage lang (2. bis 15. Oktober) wird man „ohne ‚Thema‘“ – wie es im Programmheft stolz und mit einem Seitenhieb auf die krampfhafte Suche der Westberliner nach einem „Motto“ vermerkt ist – Rückschau halten, um „aus der Sicht des Erreichten unseren gegenwärtigen Standpunkt fixieren und mit neuen Gedanken kühn in die Zukunft vorstoßen“ zu können. Gäste aus Moskau und Warschau, aus Prag, Dresden, Meiningen, Leipzig und Gera, die Bayerische Staatsoper und das „Théâtre de l’est parisienne“, Marcel Marceau und Mario del Monaco werden das Erreichte zeigen; wer die Gedanken kühn in die Zukunft richten wird, ist nicht angemerkt. Herbert Kegel mit seinem Leipziger Rundfunk-Sinfonie-Orchester wird es ganz bestimmt nicht sein dürfen. Kegel wollte „Threnos – Klagelied auf die Opfer von Hiroshima“ des Polen Krzysztof Penderecki in sein Berliner Festtagsprogramm nehmen. Ideologisch hätte das den Funktionären ja wohl noch gepaßt; aber musikalisch muß das Stück für 52 Streichinstrumente, das im Westen als eines der progressivsten und dennoch besten Werke angesehen wird, doch wohl zu weit in die Zukunft gewiesen haben. Nun wird Kegel es halt nur in Leipzig vor seinen Abonnenten spielen können.