Hamburg

Über die Staatliche Pressestelle ließ Hamburgs Schulbehörde mitteilen, daß bis Ostern 1967 vier Schulen aufgelöst und weitere drei nach und nach aufgegeben werden sollen. Begründung: „Die ständig sinkende Schülerzahl in den alten Wohngebieten, die es nicht zulassen, die Schulen weiter eigenständig zu führen.“

Die Eltern der Schulkinder hätte eine Mitteilung über die „ständig sinkende Lehrerzahl“ weniger überrascht. Ihre Kinder werden in Klassen unterrichtet, in denen teilweise über vierzig Kinder sitzen.

Noch vor ungefähr anderthalb Jahren hatte die Schulbehörde es für möglich gehalten, höchstens dreißig oder zweiunddreißig Kinder in eine Klasse zu stecken. Diese idealen Zeiten jedoch sind längst vorüber, denn: „die Entwicklung schreitet fort“. Das Zitat stammt aus einem mit „Liebe Eltern“ überschriebenen Brief des Schulrates Kaiser an die Eltern der Kinder von einer der vier Schulen, die aufgelöst werden sollen, weil die „ständig sinkende Schülerzahl ...“

Hamburg besitzt eine stattliche Zahl von alten, muffigen Volksschulen aus der wilhelminischen Ära, aber – zu seiner Kinder Glück – auch viele helle, moderne, geräumige Schulen, die teils nach der vorfabrizierten Methode als Schulkreuz gebaut sind. Gebäude, in denen die Luft besser ist und der Aufenthalt gewiß fröhlicher stimmt.

Wer nun hört, daß Schulen „in alten Wohngebieten“ aufgelöst werden sollen, nimmt natürlich an, daß es sich um die alten Muffbauten handelt. So ist es nicht. Jedenfalls nicht in jenem Fall, der die Eltern, einberufen durch den Elternrat der Turmweg-Schule, zu einer Protestversammlung und die Kinder zu einem „Schweigemarsch“ veranlaßte.

Die Schule am Turmweg in Hamburg-Pöseldorf, die jetzt aufgelöst werden soll, war bislang ein Schaustück des Wiederaufbaus, der Moderne, des Fortschritts – kurzum, der „Entwicklung, die fortschreitet“. Allerdings in entgegengesetzter Richtung, als Schulrat Kaiser es jetzt in seinem Rundschreiben meinte.