Die "Palette" lag am Gänsemarkt; der "Star-Club" liegt an der Großen Freiheit, in St. Pauli. Die "Palette" war jahrelang eine Enklave innerhalb der gutgewaschenen und gutversorgten und steifen Hamburger Gesellschaft: der Treffpunkt, das Obdach der Hamburger Gammlerjugend; im "Star-Club" wurden einst die Beatles groß. Die "Palette" ist längst zu; der "Star-Club" floriert. Wohl sind Beat und Gammel nicht identisch – Affinitäten aber bestehen, und so versammelte sich am letzten Sonntag im "Star-Club" unter anderen auch die ehemalige "Palette"-Belegschaft, um zu hören, was einer, der einmal zu ihnen gehörte, inzwischen aus jenen Gänsemarkt-Jahren gemacht hat: Hubert Fichte las aus seinem Romanmanuskript "Die Palette"; die Reproduktion maß sich mit dem Original.

"Beat und Prosa" hieß die Veranstaltung, Plakate im grellsten Purpur hatten dazu eingeladen, im Namen von Rowohlt, der Fichte verlegt und das Ganze kurzerhand in seine Regie übernommen hatte, nachdem es zwischen seinem Autor und dem Schutzverband Deutscher Autoren Nordwest, für dessen Serie "Dichter auf dem Markt" Fichtes Lesung ursprünglich gedacht war, im Anschluß an Peter Rühmkorfs jazzdurchsetzten Auftritt vor der Hamburger Börse über die Frage einer Vorzensur der Texte zum Streit gekommen war. "Beat und Prosa" – ob das gutgehen könne, das war die Frage.

Würde sich das Beat-Publikum bereitfinden, einen nicht unkomplizierten Prosatext anzuhören? Oder würde, wie damals bei Rühmkorf, doch nur das übliche, das sowieso literarisch interessierte Publikum erscheinen und sich den Beat von Ferre Grignard & Co. und lan and the Zodiacs nicht gefallen lassen?

Wäre das überhaupt zu vereinbaren: laute Musik und leise Literatur? Würden vielleicht die Leute von der "Palette" dem einstigen Kumpel verdenken, daß er jetzt, in ähnlichem Milieu vor ihnen, über ihnen stand, während drei Fernsehkameras surrten, Blitzlichter blitzten und fünfzehn Mikrophone sich anstrengten, das alles zu verstärken und festzuhalten? Würde es also betretene Enttäuschung geben oder Radau? Und war das ein schlechter Einfall, Beat und Prosa zusammenbringen zu wollen?

Es war kein schlechter Einfall. Einige Hundert fanden keinen Einlaß mehr und mußten umkehren, zwölfhundert standen schweißgebadet und hörten sich verständnisbereit an, was Fichte ihnen vorlas: von Jäcki und Jürgen und Heidi und Ramonita und Loddl, von ihrem Leben zwischen Dammtorbahnhof und Hafenkrankenhaus, inmitten einer auf Ordnung bedachten Gesellschaft, die Jugendgefängnisse einrichtet und pünktlich Zeitungen erscheinen und Milchwagen verkehren läßt, unter deren Räder man kommen kann, in ihrer Mitte und doch in einer Welt ganz für sich, von dem Mann, der Lydia heißt und eines Morgens nackt mitten auf der ABC-Straße liegt: "Der Milchwagen kommt die ABC-Straße hoch. Er fährt sehr schnell. So früh am Morgen ist sonst niemand in der ABC-Straße zu sehen. Der Milchwagen bremst vor dem nackten Mann. Die Milchflaschen zerspringen. Die Milch spritzt auf das Pflaster. Lydia schwimmt in Vollmilch. Lydia steht auf und sucht seine Sachen."

Hier, im "heiligen Sanktus-Paulus-Village", erschlug der Beat die Prosa nicht; beide koexistierten, mehr: sie machten gemeinsame Sache, sie dementierten das angebliche Schisma zwischen der Sub-, der Pop-Kultur, die ihre Kleidung und Sprache und Umgangsformen hat, und der seriösen, der höheren, der dunkel gekleideten "eigentlichen" Kultur.

Dichterlesungen ist sonst oft ein Element der Verlegenheit eigen, herrührend aus der Anstrengung, die es kostet, sich zu einer feierlichen Kulturtat aufzuschwingen. Das war auch auf dem "Markt" kaum anders gewesen – der Markt war eine Fiktion, man war unter sich, es hätte ebensogut das Auditorium Maximum oder der Saal der Patriotischen Gesellschaft sein können. Rühmkorf war sich der Kluft zwischen Kultur und Alltag bewußt, gerade sie bildete den Hauptgegenstand seiner Gedichte, sie versorgte ihn mit ironischen Pointen: die einzige Brücke schien die der Ironie zu sein.