Von Jürgen Holtkamp

Den fünfundzwanzigsten Jahrestag des Beginns der „Aktion Barbarossa“ beging der Pabel-Verlag in Rastatt auf seine Weise: Pünktlich zum 22. Juni versorgte er die Zeitungskioske mit seinem „Landser“-Band Nr. 428. Nur noch „38 km bis Stalingrad“ verhieß der Titel, und was dann folgte, enttäuschte die Erwartungen der Krieg-und-Crime-Gemeinde sicher nicht, die sich Pabel mit dem Fließbandepos von den Taten seines deutschen Landsers herangezogen hat. Denn die achtunddreißig Kilometer, die der Landser im „Landser“ bis Stalingrad zurückzulegen hat, sind mit erlegten Feinden nur so gepflastert: „In dem flackernden Feuerschein, erkannte Hirsch, worüber er vorhin gestolpert war: es war ein gefallener Rotarmist“, heißt es gleich zu Beginn. Und schon „einige Meter weiter lagen weitere russische Schützen auf der Dorf Straße“.

„Die Augen des Rotarmisten wurden vor Schreck weit. Dann hatte Hirsch ihm bereits den MP-Lauf in die Magengrube gestoßen, und der Gegner brach mit einem dumpfen Aufschrei zusammen.“ Hier stutzt der „Landser“-Leser und fragt sich: Schreibt der Pseudonyme Autor etwa pop, ohne es zu wissen? Doch schon die nächste Sequenz im „Landser“-Strip klärt alle Zweifel. Wenn er liest: „Flasche stand bei dem russischen Posten, der sich wimmernd im Schnee wälzte ... Die Russen, durchweg Mongolen, starrten die Deutschen mit einem Gemisch aus Furcht und abgrundtiefem Haß an“ – dann weiß er Bescheid: Das ist nicht Roy Lichtenstein, hier schreibt, mit lieben Grüßen von der Ostfront, PK-Berichter Frankenstein.

Er schreibt und schreibt und schreibt sich allwöchentlich einen „Landser“-Band von der Seele, darin es für die Untermenschen von der anderen Seite – „durchweg Mongolen“ – kein Pardon gibt.

Dagegen aber viel Platz für Tiere. Denn tierlieb ist dieser Landser. „Binnen weniger Augenblicke entstand auf der Steppe ein nahezu unentwirrbares Durcheinander von umgestürzten Schlitten und zusammengebrochenen Pferden. Darunter lagen die russischen Schützen, verwundet oder tot... Als der Beschuß aus dem Dorf endlich abbrach, schien es eine kurze Zeitspanne hindurch, als sei auf der Schneefläche alles Leben ausgelöscht worden. Dann aber erklang plötzlich ein markerschütternder Schrei, den ein sterbendes Pferd ausstieß. Der gräßliche Laut drang den Männern wie ein Trompetenstoß in die Ohren. Schrecklich!’ stieß Unteroffizier Wagner mit verstörtem Gesicht hervor.“

Das Muster solcher erinnerungsträchtiger Heimarbeit ist seit 1957, als das erste „Landser“-Heft erschien, 428 Lieferungen lang gleich geblieben. Lediglich Kulisse und Beleuchtung variierten ganz nach den Mischungsverhältnissen im Zettelkasten, der zu zwei Dritteln mit Wehrmachtsberichten von der Ostfront gefüllt sein dürfte. Ist der richtige Kriegsschauplatz erst einmal gefunden und das nötige Menschenmaterial vorhanden, dann ist der Rest nur eine Frage von Montage. Aus den Fertigteilen „Marsch“ und „Schlacht“, „Sieg“ und „Kaffeepause“ und „Idyll“ wird alsbald ein neuer „Landser“. Ein Stil, der mit fünfhundert Wörtern auszukommen scheint – die Kraft- und Fachausdrücke nicht mitgerechnet – verkittet die Teile in einer Syntax, deren Grundgesetz weniger die Grammatik als vielmehr der Endsieg ist. Dieses Deutsch findet etwa in jenem Spruch von vollendeter Zweideutigkeit seinen reinsten Ausdruck, der dem 428. Band vorangestellt ist: „Daß der Krieg kein Kinderspiel ist, muß auch der Jugend klargemacht werden, die ihn nur von Hörensagen kennt. Der Landser will dazu beitragen

Doch nehmen wir ihn beim Wort; verstehen wir ihn nicht als Lesebuch in Fortsetzungen, das den Krieg als eine Art höheren Indianerspiels darstellen und aus Kindern Landser machen will, sondern so, wie er verstanden werden möchte: als eine Enzyklopädie des Kriegsspiels, geboren aus aufklärerischem Geist, der unerfahrenen Jugend zur Belehrung zugedacht, Lebens- und Sterbenshilfe in allen Feldzügen, die da noch kommen mögen.