Vier Männer, zusammen etwa dreihundert Jahre alt, werden den Tennissport in der Welt wieder zur Ehrlichkeit führen: der Deutsche Dr. Heinrich Kleinschroth, der Däne Einer Ulrich, der Belgier Pierre Geelhand und der Italiener Guilio Orsini. Diese im weißen Sport ergrauten Herren erhielten vom Internationalen Verband (ILTF) die Aufgabe, eine Formel für den „Tennis-Amateur“ zu finden. Das Ergebnis der Arbeit dieser Sonderkommission wird mit Spannung erwartet. Es wäre der Stein der Weisen, nach dem seit der Gründung des Tennis-Zirkus des Amerikaners Jack Kramer vor knapp zwanzig Jahren gesucht wird. Und es läßt sich heute schon sagen, daß die Lösung nur dann Erfolg haben wird, wenn sie radikal ist: die völlige Abkehr vom Amateurbegriff, wie es bei den Tischtennisspielern der Fall ist, Schluß aller Träume an tennisweißen Kaminen über olympische Turniere, Einführung sogenannter offener Turniere gemeinsam für Professionelle und Amateure.

Diese manche vielleicht erschreckende Zukunft haben sich Turnier-Veranstalter in der Welt selber zuzuschreiben. Der seit Jahrzehnten währende Kampf unter ihnen, der darum geht, den möglichst spektakulärsten Spieler für das eigene Turnier zu verpflichten, hat zu einer Spesen-Spirale geführt, gegen die vergleichsweise die bundesrepublikanische Lohn-Preis-Spirale wohlausgewogen ist. Zudem wird die Krise zu dem Zeitpunkt akut, da die spielerischen Leistungen der Tennis-Artisten in keinem Verhältnis zu der dafür gebotenen Gage stehen.

Der Beispiele sind viele. Der Spanier Manuel Santana forderte dem Vernehmen nach vor seinem Wimbledon-Sieg Anfang Juli von den Veranstaltern der Internationalen Tennismeisterschaften von Deutschland in Hamburg die runde Summe von 1500 Dollar nur für seine Teilnahme. Man verzichtete daraufhin. Die eine Frage ist freilich, ob man Santana, nachdem er den inoffiziellen Welttitel gewonnen hatte, nicht doch für den Preis genommen hätte; die andere Frage, ob er überhaupt noch für dieses Geld gekommen wäre. Die zweimalige Wimbledon-Siegerin Margaret Smith aus Australien hat einen Festpreis für die Veranstalter, der bei 250 englischen Pfund liegt – das sind etwa 2800 Mark. Als das beim Turnier in Manchester unter den Spielern bekannt wurde, verzichtete ihre Landsmännin Judy Tegart auf die Teilnahme. Man hatte ihr nur 60 Pfund geboten. Miß Tegart war nicht etwa erbost über die hohe Spesensumme, die ihre Konkurrentin erhielt, sondern nur über die Diskrepanz zu ihrer eigenen. Aus Zorn startete sie an anderer Stelle – für 50 Pfund. Im Frühjahr 1966 hatten die Organisatoren versucht, das stämmige Mädchen Margaret Smith zu den südafrikanischen Meisterschaften nach Johannesburg zu holen. Vergebens. Erst als der Reporter des Londoner „Daily Express“, Frank Rostron, sie einweihte und ihnen klarmachte, daß Fräulein Smith aus privaten Gründen nicht daran denke, ihre Heimat zu verlassen, kam man auf die Idee, ihr zu telegraphieren, daß sie natürlich auch einen Gast mitbringen dürfe. So erschien sie in Begleitung eines jungen Mannes, Olympiateilnehmer in Tokio in der australischen Schwimm-Mannschaft.

Der Franzose Pierre Darmon, seit Jahren der einzige Klassemann seines Landes, nahm – inzwischen dreißigjährig – einen Posten als Klubdirektor im Pariser Vorort Chantilly an. Es soll gar nicht diskutiert werden, inwieweit sich seine Bezüge dort mit den Amateurbegriffen decken. Nur als er Anfang Mai bekanntgab, er werde Schaukämpfe in seinem Klub gegen die Berufsspieler Rod Laver und Lewis Hoad austragen, wurde er von seinem eigenen und vom Internationalen Verband verwarnt. Darmon trat trotzdem an, nachdem ihm ein Rechtsanwalt einen Vertrag aufgesetzt hatte, aus dem klar hervorging, daß er gegen keine Amateurklausel verstoßen habe. Das hatte er auch wirklich nicht getan, denn die Regel besagt, daß er in seinem eigenen Klub ein Tramingsmatch gegen die – im Gegensatz zu ihm – Steuern zahlenden Tennisspieler bestreiten dürfe; nur – von den Zuschauern durfte kein Eintrittsgeld erhoben werden. Gerüchte sagten, daß man das Geld durch erhöhte Parkplatzgebühren hereinbekommen hätte.

Als letztes Beispiel sei noch der nicht nur auf dem Tennisplatz schillernde Italiener Nicola Pietrangeli erwähnt. Er unterschrieb im Sommer 1960 einen Vertrag bei den Profis. Nachdem er sich aber mit seinem Verband verständigt hatte, erklärte er, daß ihm die Idee des Amateurismus bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Rom wieder klar geworden sei und er nun doch in den Reihen der Freizeitsportler bleiben wolle. Durch Indiskretionen kam damals ans Tageslicht, daß ihm das olympische Komitee Italiens (CONI) dafür etwa jährlich 40 000 Mark zahlt – ein Einkommen, das sich durch Turnier-„Spesen“ beliebig erhöhen läßt. In diesem Frühjahr soll Pietrangeli, inzwischen ein etwas rundlicher Dreißiger, wiederum einen Vorvertrag unterzeichnet haben, und zwar – so klagte er – nur aus dem Grunde, weil er das Geld nötig für den Bau eines eigenen Klubs in Rom brauche. Der Italiener trat auch von diesem Kontrakt zurück. Wie verlautete, wird der Pietrangeli-Klub trotzdem gebaut.

Nur eine Pointe zu all dem ist, daß der Präsident des italienischen Tennisverbandes der frühere Davispokalspieler Dr. Giorgio di Stefani ist, seines Zeichens ebenfalls Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und einer der eifrigsten Verfechter der Wiedereinführung olympischer Tennisturniere.

Anfang Juli brachte der Franzose Jean Borotra, der seine frühere Elastizität auf dem Tennisplatz als Mitglied der legendären französischen Musketiere inzwischen mit dem gleichen Temperament als Redner zur Schau stellt, beim Kongreß der ILTF in Basel seine Vorschläge zur Sprache. Er will eine neue Spielerkategorie schaffen, die mit einer Art Lizenzspieler zu vergleichen wäre. Sie dürfen Geld nehmen, aber nicht zuviel. Sein Antrag, schon häufig vorgebracht, wurde indessen wieder abgelehnt. Das war auch nicht weiter verwunderlich. Die Ostblockstaaten, als Befürworter des olympischen Tennis, waren ebenso dagegen wie die mächtigen Engländer, die für offene Turniere sind. Nachdem der Internationale Tennisverband während des IOC-Kongresses 1964 in Tokio nach vierzigjähriger Abwesenheit wieder in die Familie olympischer Sportarten zurückkehren durfte – was nicht heißt, daß Tennis in das olympische Programm aufgenommen wurde –, ist die Lage besonders peinlich. Die Alternative besteht nun nur noch; zwischen dem unehrlichen Amateur-Mischmasch und einem reinlichen Professionalismus. Der Tennis-Amateur läßt sich kaum definieren, zum Schaden jener, die abends. in ihren Klubs spielen. Über sie, die einzig Leidtragenden, wurde in Basel nicht gesprochen. Den einzigen handfesten Beschluß, der in der Schweiz nach zehnstündiger Beratung, gefaßt wurde, war der, daß der Preis bei einem Tennisturnier nicht über 2300 Mark liegen darf. Das bedeutet eine Erhöhung von hundert Prozent, Spesen ausgeschlossen. Ulrich Kaiser