Von Thomas von Randow

Der Nobelpreis für Medizin und Physiologie wurde in diesem Jahr zwei amerikanischen Krebsforschern zuerkannt. Professor Charles B. Huggins erhielt die hohe Auszeichnung für seine Verdienste um die Entwicklung der Hormonbehandlung bestimmter Formen des Krebses. Professor Francis Peyton Rous, der emeritierte Direktor des Krebsforschungslabors im Rockefeller Institut, wurde mit dem Nobelpreis für die Entdeckung krebserregender Viren ausgezeichnet, die dem Gelehrten erstmalig im Jahre 1910 gelang. Inzwischen hat man eine Reihe verschiedener Krebsviren gefunden, und allmählich beginnen die Krebsforscher zu verstehen, wie ein solches Virus eine gesunde Körperzelle in eine Krebszelle verwandeln kann.

Angefangen hat es mit einem kranken Huhn. Ein Farmer brachte die leidende Henne in das Medizinische Laboratorium des New Yorker Rockefeller Instituts; sie hatte eine dicke Krebsgeschwulst, ein sogenanntes Sarkom, im Brustfleisch. Just auf ein solches Versuchstier hatte der junge Dr. Peyton Rous gewartet. Er wollte prüfen, ob Krebs von einem Virus hervorgerufen werden kann, und weil Hühner sehr häufig an Krebs erkranken, also offenbar dafür besonders anfällig sind, glaubte Rous, sie müßten sich besonders gut für eine solche Untersuchung eignen.

Die Vermutung, es könne wie für viele andere Krankheiten auch für Krebs einen Erreger geben, war nicht aus der Luft gegriffen. Aus den Ergebnissen, die zwei dänische Forscher, Wilhelm Ellerman und O. Bang, bei Experimenten mit leukämiekranken Hühnern erzielt hatten, ging hervor, daß es so etwas wie Krebsviren geben könnte.

Peyton Rous schnitt ein Stück aus dem Tumor der Henne heraus und zerkleinerte es derart, daß dabei mit Sicherheit ein großer Teil der Geschwulstzellen zerstört wurde. Diesen Gewebebrei drückte der Forscher durch ein ultrafeines Filter. Es war so engmaschig, daß es keine Zellen, auch keine zerstörten, hindurchließ. Lediglich Partikel, deren Durchmesser nicht größer war als ein paar zehntausendstel Millimeter, also Teilchen der Größenordnung von Viren, konnten das feine Sieb passieren! So erhielt Rous ein zellfreies Filtrat des Krebsgewebes, und das war wichtig.

Der amerikanische Forscher spritzte diese Flüssigkeit in verschiedene Körperteile von gesunden Küken, und nach einiger Zeit entstanden dort Krebsgeschwulste, Tumoren von der gleichen Art, an der die Henne litt, die der Farmer in das Institut gebracht hatte. Da sich in der Substanz, mit der diese Übertragung des Tumors gelungen war, keine Zellen befanden, war die Möglichkeit ausgeschaltet, daß bei der Prozedur etwa Krebszellen in die Küken eingepflanzt worden waren, die sich in dem neuen Wirtsgewebe hätten vermehren und so die Geschwulst bilden können. Es blieb daher nur die Erklärung: Irgend etwas in dem Filtrat hat die gesunden Gewebezellen der Küken in Krebszellen umgewandelt, irgend etwas, das nicht größer sein konnte als ein Virus. Höchstwahrscheinlich, so deutete Rous sein Versuchsergebnis, war es ein Virus.

Seit dieser Entdeckung sind 56 Jahre vergangen, aber erst Ende dieses Jahres wird der jetzt 87jährige Gelehrte dafür den Nobelpreis erhalten, den Preis, der nach der testamentarischen Verfügung des Stifters eigentlich demjenigen verliehen werden soll, „der im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet hat“.