Wieland Wagner ist da wohl auch bei Brecht in die Schule gegangen, hat dessen Forderung nach der „epischen Oper“ zu realisieren versucht. Es sollen nicht mehr „die einzelnen Elemente (Sprache, Musik, Gestik, Bewegung) alle gleichermaßen degradiert“ werden, indem jedes „nur Stichwortbringer für das andere sein kann“, und „alles, was Hypnotisierversuche darstellt, unwürdige Räusche erzeugen muß, benebelt, muß aufgegeben werden“ (Anmerkung zu „Mahagonny“).

*

Zwischen Walter Felsensteins realistischem und Wieland Wagners visionär-psychologischem epischen Musiktheater hat sich seit 1950 in Deutschland – und nicht nur dort – das abgespielt, was man moderne Operninterpretation nennen könnte. Im Spannungsfeld zwischen den beiden Antipoden haben andere Regisseure vielleicht makellosere Aufführungen zustande gebracht. An Ernst, Theaterleidenschaft und rastlosem Einsatz für ihre Idee haben sie Wieland Wagner nicht übertreffen können.

*

Bayreuths Festspielhaus war – mit ein paar Jahren Unterbrechung – das einzige deutsche Theater, in dem nicht nur die Solisten auf der Bühne, sondern auch der Chor und vor allem das Orchester eine gesamtdeutsche Vertretung abgaben. Wieland Wagner und sein Bruder Wolfgang haben sich nicht gescheut, dafür mit offiziellen Stellen in Ost-Berlin zu verhandeln, sie haben einen Minister der DDR empfangen, Papiere unterschrieben, die in Bonn nicht gern gesehen waren, sie haben künstlerische Qualität über den antifaschistischen Schutzwall und das Alleinvertretungsrecht gestellt. Vielleicht wissen wir erst in einigen Jahren, was das 1965 bedeutet hat.

*

In der Nacht zum 17. Oktober ist Wieland Wagner gestorben in der Münchener Universitätsklinik, „morbus Boeck nannten die Ärzte die nicht unbedingt lebensgefährliche Krankheit; die Todesnachricht, so sehr sie erschreckte, kam letztlich nicht überraschend. Die letzten Festspiele hatte Wieland Wagner per Telephon und mit Hilfe von Tonbändern vom Krankenbett aus vorbereitet. Die Bayreuther Praxis, alle Details bis zur letzten Scheinwerfer-Einstellung zu fixieren, hat seinem Assistenten Peter Lehmann bei der Realisierung weitgehend geholfen. Peter Lehmann hat auch die New Yorker „Lohengrin“ Inszenierung übernommen, deren Premiere für Dezember geplant ist. Wolfgang Wagner hat inzwischen die Gesamtleitung der Bayreuther Festspiele übernommen.

Wieland Wagner wird der Theaterwelt nicht nur im Bayreuther Festspielhaus fehlen.