Wo immer man die Fäden zieht: Der spektakulärste Bankkrach der letzten Jahre erweist sich als ein vorerst noch unentwirrbares Knäuel von fehlgeschlagenen Spekulationen, wirtschaftlichen Intrigen, politischen Rankünen und militärischem Machtstreben. Yusif K. Beidas, Präsident der in Beirut beheimateten Intra Bank, verfing sich in diesem Gestrüpp. Als am 15. Oktober Lastkraftwagen des libanesischen Militärs vor dem Hauptquartier vorfuhren und Soldaten die Bankschalter gegen aufgebrachte Kunden abschirmten, mußte der vom Botenjungen zum Präsidenten aufgestiegene Bankier sich endgültig eingestehen, daß er verspielt hatte.

Was für viele Kunden der Bank und für die Weltöffentlichkeit wie ein Schlag aus heiterem Himmel kam, war für die großen Bankiers der Welt keine Überraschung. Schon seit längerer Zeit argwöhnten sie, daß es mit der raschen Expansion dieser größten arabischen Privatbank nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Es war zwar bekannt, daß sich die Intra Bank der Gönnerschaft des Königs von Saudi-Arabien erfreuen konnte und Hausbank zahlreicher Ölscheichs war; man wußte aber auch, daß Beidas mit seiner Geschäftspolitik immer mehr in Gegensatz zu den Interessen seiner besten Kunden geriet.

Vor knapp 20 Jahren, 1948, hatte der Sohn eines Schulvorstehers in Jerusalem, der im Palästina-Konflikt nahezu sein gesamtes Vermögen verlor, in einem schäbigen kleinen Bürozimmer in Beirut als Geldwechsler von neuem begonnen. Bevor jetzt sein Reich zusammenbrach, herrschte er über ein weltumspannendes Bankimperium, und es spricht einiges dafür, daß Beidas ohne die Hilfe mächtiger Milliardäre nicht in der Lage gewesen wäre, ein solches Unternehmen aufzubauen. Doch ob es Hintermänner gibt und wer sie sind – darüber laufen an den Nachrichtenbörsen des Orients bisher nur dubiose Gerüchte um.

Auf allen Finanzplätzen der Welt hatte Beidas seine Finger im Spiel. Er begnügte sich nicht mit der Abwicklung konventioneller Bankgeschäfte, er wollte mehr. Ihm sollte das Kapital seiner Einleger als Hebel wirtschaftlicher Machtausübung dienen.

Zu diesem Zweck setzte er nicht nur die Mittel seiner Bank ein, die ihm längerfristig zur Verfügung standen; auch täglich fällige Gelder verwendete er zum Erwerb von Anlagen, die sich nicht von heute auf morgen wieder veräußern lassen. Daß er damit gegen die „goldene Bankenregel“ verstieß, niemals kurzfristig kündbare Gelder in Anlagen zu stecken, die nicht ebenso schnell wieder liquidisiert werden können, kümmerte ihn wenig. Beidas vertraute, darauf, daß seine großen Kunden ihm für längere Zeit treu bleiben würden. Heute weiß er, daß dies eine lebensgefährliche Fehlspekulation war.

Nach der Bilanz per 31. Dezember 1965 waren die Angelegenheiten seines Instituts noch wohlgeordnet. Die Bilanzsumme betrug zu jener Zeit 925,4 Millionen libanesischer Pfunde, das sind knapp 1,4 Milliarden Mark. Die Einlagen machten rund 745 Millionen Pfund aus, davon lagen angeblich 305 Millionen „in der Kasse“, 352,1 Millionen waren als Kredite ausgeliehen. Das eingezahlte Kapital betrug 60 Millionen Pfund, es soll noch kurz vor der Krise auf 120 Millionen verdoppelt worden sein. Gemessen am internationalen Standard waren die Rücklagen mit 18,3 Millionen allerdings ungewöhnlich niedrig.

Deutsche Banken, die auf sich halten, weisen in ihren Bilanzen nicht selten Rücklagen aus, die auf einer Höhe mit dem Aktienkapital liegen.