Von Dieter E. Zimmer

Sie haben fünfzehn Jahre lang in Deutschland gelebt, von 1922 bis 1937. Danach zu urteilen, wie Sie Deutschland und die Deutschen in Ihren damaligen Büchern beschreiben, wurden Ihre Eindrücke immer düsterer. In Ihrem gegen Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlichten Buch über Gogol schrieben Sie, daß „poschlostj“ – nämlich aufgeblasener schlechter Geschmack, Kitsch – einen wesentlichen Teil des deutschen Volksgeistes ausmacht, und auch, daß man Deutschland bis zu seinem letzten Bierkrug und Vergißmeinnicht zerstört sehen möchte. Hatten Sie seither Grund, Ihre Ansicht zu ändern

VLADIMIR NABOKOV: Ich mag mein etwas leichtfertiges kleines Gogol-Buch, das ich vor über zwanzig Jahren hastig geschrieben habe, nicht allzu gern; aber die Stelle, die Sie erwähnen, ist nicht ganz so leichtfertig, wie sie aus dem Zusammenhang gerissen klingt. Lassen Sie mich den Anfang des Absatzes wiederherstellen: „Die Nichtswürdigkeit eines Landes in dem mißlichen Augenblick zu übertreiben, wo man Krieg mit ihm führt – und es bis zu seinem letzten Bierkrug und Vergißmeinnicht zerstört sehen möchte – heißt, gefährlich nahe an jenem Abgrund von poschlostj zu wandeln, der in einer Zeit der Revolution oder des Krieges überall gähnt.“ Schließlich sehnten sich auch die Japaner nach der Zerstörung Amerikas bis hinunter zu seiner letzten peanut und seinem letzten pin-up. In jenem Kapitel spreche ich von den amo et odi-Gefühlen, mit denen Rußland als Nation Deutschland als Nation betrachtete. Meine persönliche Einstellung zu Deutschland ist komplizierter. Zweierlei sollte berücksichtigt werden:

Erstens, daß ich in Deutschland eben in den Jahren lebte und schrieb, als nicht nur meine eigenen Eindrücke, sondern auch die meiner deutschen Freunde – und schließlich die Geschichte selbst – „immer düsterer“ wurden, wie Sie es nannten, bis der grausige Kitsch, den sie und ich verabscheuten, sich zu einem Regime auswuchs, das in seiner baren, düsteren Vulgarität nur mit dem Rußland der sowjetischen Ära zu vergleichen ist. Das ist das eine.

Das andere ist, daß ich auf der Seite meiner Großmutter väterlicherseits meine Vorfahren nicht nur zu baltischen Baronen zurückverfolgen kann, sondern auch zu einem berühmten sächsischen Komponisten und einem renommierten Königsberger Buchverleger und noch weiter zurück zu einem obskuren Organisten in Plauen bei Warenbrück im sechzehnten Jahrhundert, und zweifellos zu manchem Amateurschmetterlingsfänger, der vielleicht Bierkrüge auf seinem Bord und Vergißmeinnicht in seinem Album hatte.

Ich möchte hinzufügen, daß ich im Lichte dessen, was in der Rückschau aussieht, als hätte ich die deutsche Kultur in einer bitteren Fußnote abgetan, einigermaßen verlegen bin, wenn ich mich heute einem dritten Umstand gegenübersehe, nämlich dem, daß deutsche Kritiker in der Nachkriegszeit meine Bücher mit ungewöhnlichem Scharfsinn und Kunstverständnis begriffen und gewürdigt haben.

Waren Sie seit dem Krieg wieder in Deutschland?