Von Wilhelm Treue

Helmut Genschel: Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Dritten Reich. Musterschmidt-Verlag, Göttingen; 337 Seiten, 48,– DM.

Wohl jeder älere Deutsche, besonders wenn er zwischen 1933 und dem Kriegsausbruch in einer Stadt gewohnt hat, könnte ein jüdisches Geschäft nennen, dessen gewaltsame Schließung oder „Arisierung“ er miterlebt hat. Die meisten jungen Deutschen aber haben diese Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft nicht bewußt miterlebt, wissen nichts von solchen Ereignissen im einzelnen und besitzen vom Gesamtkomplex nur eine so allgemeine Vorstellung wie etwa von den Grausamkeiten im Dreißigjährigen Krieg.

Die Auffassung, daß ein solches Versinken aus der Erinnerung in den Riesenraum der nicht erinnerten Geschichte für die Verständigung zwischen Juden und Deutschen von Vorteil sei und daß man daher nicht immer wieder auf diese peinlichen Ereignisse zurückkommen solle, beruht auf einem gefährlichen Irrtum. Selbst noch junge Juden können nicht vergessen, daß ihre Eltern und Großeltern von Deutschen um ihr Leben oder mindestens um ihren Besitz gebracht worden sind. Sie werden es auch der jetzt in Deutschland heranwachsenden und der nächsten Generation nur dann vergeben, wenn sie überzeugt sein können, daß auch diese es nicht vergessen.

Jacob Burckhardt hat in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ zu diesem Thema etwas noch heute Aktuelles geschrieben. Es heißt da über Restaurationen: „Während man eben einige Trümmer und Prinzipien des Vergangenen wiederaufzustellen bemüht ist, hat man es zu tun mit der neuen Generation, welche seit der Krisis aufgewachsen ist und schon das Privilegium juventutis für sich hat. Und diese ganze neue Existenz beruht auf der Zerstörung des Vorhergegangenen, ist großenteils schon nicht mehr selber schuld und betrachtet daher die Restitution, die man von ihr verlangt, als Verletzung eines erworbenen Rechtes.“

Es liest sich wie eine Bestätigung des Satzes von Burckhardt, wenn es im Leserbrief eines Heidelberger Studenten, den der „Spiegel“ am 10. Oktober veröffentlicht hat, heißt: „Wer wie ich zu einer Generation gehört, die mit den Geschehnissen des Dritten Reichs nichts zu tun hat und vielleicht die Entwicklung des Staates Israel mit Respekt betrachtete, fragt sich heute, wie lange man es in der Bundesrepublik noch für opportun hält, die Israelis finanziell und politisch zu unterstützen.“

In solchen Zusammenhängen ist das mit beispielhafter wissenschaftlicher Sorgfalt geschriebene und mit umfangreichen zuverlässigen Berufsstatistiken ausgestattete Buch von Genschel sehr wichtig. Denn in ihm wird auf Grund eines riesigen Materials aus Archiven aller Art der Vorgang der Verdrängung als Ganzes dargestellt und zugleich an Hand von unvoreingenommenen ausgewählten Einzelbeispielen wieder in die Individualität erhoben. Die großen erschütternden Zahlen sind da und die nicht weniger erschütternden Einzelfälle ebenso – sie reichen vom bescheidenen Kleinhandelsbetrieb bis zum Hüttenwerk. Genschel unterscheidet zwei Perioden der „schleichenden Judenverfolgung“ (Sommer 1933 bis Frühjahr 1935 und 1936 bis Herbst 1937) und vom „gesetzlichen Ausschluß der Juden aus der Wirtschaft“ während der Zeit von der „Reichskristallnacht“ bis zum Kriegsausbruch.