William Sheridan Allen: Das haben wir nicht gewollt. Die nationalsozialistische Machtergreifung in einer Kleinstadt 1930–1935. Aus dem Amerikanischen von Jutta und Theodor Knust. Sigbert-Mohn-Verlag, Gütersloh; 328 Seiten, 24,– DM.

Was ein Totschläger, eine Stahlrute oder einSchlagring ist, hätte der politisch engagierten Generation der Weimarer Zeit nicht erklärt werden müssen; die Radikalen bedienten sich dieses brutalen Instrumentariums um so eifriger, je geringer die Aussicht wurde, daß die Republik sich mit ihren parlamentarischen Einrichtungen werde durchsetzen können. William Sheridan Allen tat gut daran, dem Leser unserer Tage die Bürgerkriegswaffentechnik der Jahre vor der Machtergreifung bis ins Detail vor Augen zu führen; manche auf den ersten Blick unverständliche Situation wird dadurch erhellt. Auch darf sich der Autor das nicht hoch genug zu rühmende Verdienst zuschreiben, daß er kommunales Leben dort untersucht, wo es am aufschlußreichsten ist: in der Statistik der Gewerbesteuer, der Arbeitslosenzahl, der Ausgaben des Wohlfahrtsamtes, der Stimmabgaben für die einzelnen Parteien, der städtischen Kriminalität und anderen im wahrsten Sinne verräterischen Erscheinungen. Er hat dabei mit der Präzision amerikanischer Untersuchungsmethoden gearbeitet, denen kein in Nonpareille gesetztes Inserat einer Heimatzeitung zu gering ist, als daß es nicht ausgewertet werden könnte.

Ort der Handlung ist eine Kleinstadt mit (1930) zehntausend Einwohnern in Niedersachsen, die nur nach der geographischen Lage, nach der soziologischen Zusammensetzung der Bevölkerung, nach deren Tugenden und Lastern näher bezeichnet, nicht aber namentlich genannt wird. Der Leser, nun zu begreiflicher Neugier ermuntert, kann also seine Phantasie bemühen, um herauszubekommen, wessen Porträt hier versucht worden ist. (Die Universität Minnesota bewahrt das „Geheimnis“ des Namens der Gemeinde und aller Quellen, auf denen die Stadtbeschreibung Allens fußt.) Die naive Freude des Autors am Verbrämen und Verfremden hält freilich nicht lange vor: daß eigentlich nur die Stadt Northeim gemeint sein kann, läßt sich schnell belegen.

Aber die Idee, das Werden des Nationalsozialismus einmal in einem gut überschaubaren Kreis in allen seinen Einzelheiten zu verfolgen, ist auf eine erfolgreiche Weise in die Tat umgesetzt worden. Denn die Umschau in diesem Bezirk war so umfassend, daß offenbar kein Partikel dem Späherblick Allens entging, ob es sich nun um das Schicksal des Bürgermeisters, der Schachklubs, des Eisenbahnausbesserungswerkes, des jüdischen Bankhauses oder um die Rauferei zwischen einem SA-Mann und einem Angehörigen des „Reichsbanners“, um die Hitler-Begeisterung des maßgeblichen Buchhändlers oder um den Metzger handelte, der „ein Abbild von Hitler aus Schmalz, Petersilie und Wurstenden zustande brachte“. Mehrere Jahre lang hat Allen, jetzt Professor für Geschichte in Missouri, in dieser Kleinstadt gelebt, um, gefördert vom Vertrauen der Befragten, auch unscheinbaren Spuren einer bestialischen Zeit nachzugehen. Die Frucht dieses Aufenthaltes ist ein Buch, das, voriges Jahr in Chikago erschienen, gerade den Deutschen einiges Nützliche in Erinnerung rufen will und kann.

Die Frage, ob die Stadt „Thalburg“ (so der von Allen gewählte Künstlername) als typisch gelten könne, darf getrost bejaht werden. Zwar haben nicht alle Städte dieser Größenordnung im Juli 1932 und im März 1933 eine Stimmenmehrheit von 62 oder 63 Prozent für Hitler erbracht (es gab ja in dieser Hinsicht ein bestimmtes Ost-West-Gefälle im Reich); zwar verfügten vermutlich nur wenige Städte über eine so penetrant deutschnationale Pastorenschaft lutherischer Prägung, die Hitler die Steigbügel hielt, und es muß wohl auch als ein Thalburger Spezifikum gelten, daß es dort in den beschriebenen Jahren keinen Todesfall bei den häufigen Unruhen und keine Einlieferung in ein Konzentrationslager gegeben hat. Aber im ganzen gesehen ist Thalburg ein Modellfall dafür, wie sich gerade in den Kleinstädten des Deutschen Reiches die Machtübernahme Hitlers vorbereitete und vollendete als ein Prozeß, der aus vielen quasi legalen Aktionen bestand und der schließlich Deutschland aus einer ungekonnt gehandhabten Demokratie in eine perfekte Diktatur verwandelte.

Der Jammer der Beteiligten „Das haben wir nicht gewollt“ darf bestenfalls auf Erklärung und Deutung, nicht aber auf Entschuldigung rechnen; denn in Thalburg wie anderswo walteten Kurzsichtigkeit und das Unvermögen, sich aus großbürgerlichen Vorstellungen zu lösen. Der Haß gegen die Sozialdemokraten, die in Thalburg eine kleine, aber disziplinierte Gruppe ausmachten, entartete in eine Verblendung, die fast jede gemeinsame Aktion gegen die Hitler-Anhänger unterband. Thalburg gibt auch Gelegenheit, ein Klischee zu prüfen, das uns davon überzeugen will, die Intensität des Widerstandes gegen Hitler sei bei den Sozialdemokraten am stärksten, bei Zentrum und Staatspartei schon schwächer, bei Volkspartei und Deutschnationalen am geringsten gewesen.

Allen bestätigt diesen Sachverhalt, und selbst wenn die Sozialdemokratische Partei bei aller Kritik Allens an ihr zu positiv gesehen sein sollte – die „Volksblatt“-Redakteure Thalburgs verdienen es in der Tat, daß man auch heute den Hut vor ihnen zieht. Allen sieht den Erfolg der Nationalsozialisten darin begründet, daß sie auf eine Bevölkerung gestoßen seien, die in den Klassengrenzen gespalten war und daher in ihren Schichten allzu leicht gegeneinander ausgespielt werden konnte; auch in dieser Hinsicht steht Thalburg ohne Zweifel stellvertretend für die meisten Kleinstädte.

Manchmal will es scheinen, als ob den Autor die Fülle des Materials fast erdrückt habe; wenn jede „Großkundgebung“, jeder Mackensen-Besuch, fast jede Bürgerschaftsversammlung über Jahre hin minuziös verzeichnet werden, dann stellt sich leicht das Gefühl „journalistischer Völlerei“ ein. Aber es mag das Kleinkarierte durchaus als ein Stilmittel gelten dürfen. Dieses Sittengemälde eines Amerikaners zeugt von einem fairen, achtunggebietenden Verständnis für die komplizierte Welt einer Kleinstadt, für die Psychologie des Deutschen, ja, für die Mentalität des Menschen überhaupt in seiner Fehlhaftigkeit und