Von Hans Magnus Enzensberger

Unter dem Titel „Kein Lied mehr von der Glocke“ wurden in der ZEIT Nr. 37 ernste Bedenken angemeldet gegen die Auswahl von Schillers Lyrik in der Ausgabe des Insel Verlages, in der nicht nur „Das Lied von der Glocke“ fehlt, sondern ebenso viele der allerbekanntesten Balladen. „Eine Begründung dieser immerhin ungewöhnlichen Auswahl“, schrieb Marcel Reich-Ranicki, „ist in der Edition nicht vorhanden“. Diese Begründung liefert Lyrik-Herausgeber Hans Magnus Enzensberger, auf unsere Bitte, hier nach.

Im Sommer des Jahres 1797 teilte Friedrich Schiller einem Weimarer Freunde mit, daß er begonnen habe, an einem „Glockengießerlied“ zu arbeiten; er nehme dabei die „ökonomischtechnologische Encyclopädie“ von Johann Georg Krünitz zu Hilfe, eine Quelle, von der er „sehr viel profitiere“. Mehr als zwei Jahre später, im Herbst 1799, hat Schiller diese Arbeit abgeschlossen; das Gedicht erschien, unter dem Titel „Das Lied von der Glocke“, zum erstenmal im „Musen-Almanach für das Jahr 1800“.

Dem Werk ist auf den ersten Blick anzumerken, daß es aus zwei Strophensträngen besteht, die sich nach ihrer äußern wie nach ihrer innern Form deutlich voneinander unterscheiden. Der Autor hat diese Differenz sogar typographisch kenntlich gemacht.

Abgerückt vom Rand des Satzspiegels sind die zehn Strophen des eigentlichen „Glockengießerliedes“. Sie sind nach einem Prinzip gebaut, das vom Anfang bis zum Ende strikt durchgehalten wird. Jede Strophe beginnt mit einem Vierzeiler aus vierhebigen trochäischen Versen, in dem weibliche mit männlichen Reimen nach dem Schema ab ab wechseln; es folgt ein Verspaar mit je drei Hebungen und männlichem Reim; ein vierhebiges, weiblich gereimtes Verspaar schließt die Strophe ab. Schon rein äußerlich handelt es sich um eine typische Liedform. Nur auf diesen Strang des Gedichts kann sich, streng genommen, sein Titel beziehen.

Denn sein zweiter Strang ist weit weniger streng und liedhaft komponiert. Zwanzig Strophen von ungleicher Länge (sechs bis sechzig Zeilen umfassend) sind ohne feste Regel zwischen die Strophen des eigentlichen Glockengießerliedes eingeflochten. Das Metrum wechselt zwischen Jambus und Anapäst. Neben vierhebigen kommen gelegentlich zweihebige Verse vor. Der Tonfall ist reflektierend und sentenzenhaft, zuweilen balladesk, niemals liedhaft.

Die beiden Teile des Gedichtes treten nur noch deutlicher auseinander, wenn man nach ihrem Gehalt fragt. Nicht nur von der Entstehungsgeschichte, sondern auch von der Substanz her ist das eigentliche Glockengießerlied der primäre Bestandteil des Gedichts. Es stellt, mit großer Sachkenntnis und Sorgfalt, einen technologischen Prozeß im einzelnen dar, und zwar aus der Perspektive eines „Meisters“, der in dem Lied zugleich als Sprecher-Ich und als handelnde Person auftritt. Imperativische Formen herrschen vor: Die Aktion wird weniger beschrieben als vielmehr durch den Text selbst gewissermaßen hervorgerufen. Das Lied kann als eine Anweisung für die Gießer gelesen werden. Dieser Zug zum Konkreten kommt dem Text in mehr als einer Hinsicht zugute. Er verleiht ihm eine Autorität, die auf Sachkenntnis beruht; etwas von der handwerklichen Solidität des gezeigten Vorganges teilt sich dem Gedicht mit.