Von Robert Strobel

Bonn, Anfang November

Was ist es, das Ludwig Erhard den Entschluß so schwer macht, sich von seinem Amte zu trennen?

Vor allen Dingen ist es wohl dies: die Hingabe an eine Aufgabe, die er besser als jeder andere erfüllen zu können glaubt. Und an diesem Glauben haben ihn bisher weder die Kritik seiner Gegner noch die Einwände seiner Freunde wankend machen können. Hinzu kommt, daß er, der so lange um sein hohes Amt gerungen und dabei viele Demütigungen hingenommen hatte, nicht unter solch schmählichen Umständen gehen möchte.

Die meisten Bonner Beobachter sind sich darüber einig, daß Erhard zu hoch gegriffen hatte, als er Bundeskanzler werden wollte; der Posten übersteigt seine Fähigkeiten und seine Lebenserfahrung. Adenauer hatte ihn lange vorher gewarnt, aber Erhard wollte ihm nicht glauben. Deshalb trug der erste Kanzler seine Kritik an Erhard in die Fraktion und später in die Öffentlichkeit. Bevor Adenauer sein letztes Kabinett bildete, drohte ihm Erhard, er werde in dieses Kabinett nicht eintreten, wenn ihn Adenauer nicht gleichzeitig öffentlich als seinen Nachfolger empfehle. Das lehnte Adenauer brüsk ab; und Erhard hielt dies für ein Zeichen von Mißgunst.

Adenauers Urteil über Erhard wurde in der CDU/CSU-Fraktion von vielen geteilt. Auch sie glaubten, Haß der hochbegabte und hochverdiente Ludwig Erhard für das rauhe Geschäft der Politik nicht auf dem Posten des Regierungschefs geeignet sei. Wider besseres Wissen machten sie ihn aber dann doch zum Kanzler: Sie erhofften sich von seinem Ansehen einen starken Zulauf zur Union. Diese Rechnung ging ja auch eine Zeitlang auf, und das Erhard-Bild, das Leute aus seiner Umgebung der Öffentlichkeit beflissen vorzauberten, verlängerte den Eindruck des Erfolgs. Aber auf die Dauer ergeben gute Leistungen doch das beste Image. Da sie ausblieben, verlor Erhard seine Ausstrahlungskraft.

Dennoch: Nicht alles, was während der Kanzlerschaft Erhards schlecht gelaufen ist, ist durch seine Schuld so gekommen. Adenauer hat ihm manche schwere Hypothek hinterlassen. Sie abzutragen, hätte es eines kraftvollen, entschlußfähigen Mannes bedurft – was Ludwig Erhard nicht ist. Doch machten ihm weder sein Vorgänger noch die ungeduldigen Rivalen in der Partei, die ihn ihrer ungebrochenen Loyalität versicherten und dabei schon an den Dolchen fingerten, seine schwere Aufgabe ein bißchen leichter.