In dieser Woche überraschten die Farbenfabriken Bayer ihre Akionäre mit der Ankündigung, schon in der nächsten Zeit das genehmigte Kapital von 150 Millionen Mark teilweise oder voll ausnutzen zu wollen. Wahrscheinlich werden die Bayer-Aktionäre schon im Januar zur Kasse gebeten werden. Zur gleichen Zeit müssen die jungen Aktien des Volkswagenwerks bezahlt werden; außerdem bieten dann die Farbwerke Hoechst eine Wandelanleihe an. Von der Börse, das heißt von den Anlegern, sollen innerhalb weniger Wochen rund 750 Millionen aufgebracht werden, ein Brocken, der selbst in guten Börsenzeiten schwer verdaulich wäre. Um so schwieriger wird er während der jetzt herrschenden labilen Tendenz unterzubringen sein.

Nicht wenige deutsche Unternehmen haben in den letzten Monaten ihre Finanzpläne ändern müssen. Die Restriktionsperiode dauert länger als erwartet, die Konsolidierung kurzfristiger Verbindlichkeiten stößt auf immer größere Schwierigkeiten. Die hohen Zinsen zehren überdies an der Rentabilität. Um so mehr überrascht es, daß sich nach den Feststellungen der Bundesbank die Ertragslage der privaten Unternehmen im ersten Halbjahr 1966 insgesamt kaum noch weiter verschlechtert hat. Die Nettoeinkommen aus Unternehmertätigkeit waren nur um 1 Prozent niedriger als im gleichen Vorjahreszeitraum, obgleich sich die hohen Steuernachzahlungen für das gewinngünstige Jahr 1964 belastend ausgewirkt haben.

In Anpassung an die angespannten Kreditmärkte waren die Unternehmer mit Privatentnahmen sehr zurückhaltend, so daß sich die nichtentnommenen Gewinne auf Vorjahreshöhe hielten. Bei gleichzeitig verstärkten Abschreibungen standen somit den Unternehmen im ersten Halbjahr 1966 um 7 Prozent mehr eigene Finanzierungsmittel für Investitionszwecke zur Verfügung als im ersten Halbjahr 1965. Da zudem die Investitionsausgaben etwas eingeschränkt wurden, hat sich die durch Fremdmittel zu deckende Finanzierungslücke vermindert; die zusätzliche Verschuldung der Unternehmen war damit geringer als im Vorjahr.

Dieser allgemeine Überblick darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Kapitalbedarf in einigen Branchen erheblich ist. Nur die ganz "starken" Gesellschaften können ihn heute durch Ausgabe junger Aktien befriedigen. Sie wollen den hohen Zinsen für Fremdkapital ausweichen und ziehen der Aufnahme von Anleihen oder Schuldscheindarlehen die zwar noch kostspieligere Ausgabe von jungen Aktien vor. Doch hoffen sie, Fremdkapital in einigen Monaten günstiger "einkaufen" zu können als heute, da die öffentliche Hand 9,5 Prozent zahlt.

Damit hat Siemens seine jüngste Kapitalerhöhung begründet, mit ähnlichen Argumenten arbeitet jetzt auch Bayer. Bei dem Leverkusener Unternehmen scheint allerdings der Wunsch hinzuzukommen, schon per 31. Dezember 1966 eine Bilanz vorlegen zu können, in der Eigenkapital, langfristiges Fremdkapital und kurzfristige Schulden in einem optisch wohlabgewogenen Verhältnis stehen. Deshalb soll die Kapitalerhöhung schon im Dezember durchgeführt werden, die Aktionäre brauchen die Aktien von dem Bankenkonsortium aber erst im Januar und noch später abzunehmen. Das Volkswagenwerk hat lange mit der Neuaufnahme von Kapital gezögert, zu lange, wird man rückblickend sagen können. Denn jetzt muß die Transaktion zu einem Zeitpunkt durchgeführt werden, da sich die VW-Kurse auf einem Tiefstand befinden, wie wir ihn seit der Börseneinführung der VW-Aktien noch nicht erlebt haben.

Viele von Ihnen, meine verehrten Leser, werden ärgerlich festgestellt haben, daß ihr Effektenportefeuille, das ja meist aus Aktien deutscher Spitzenunternehmen besteht, sie jetzt zwingt, tief in die Tasche zu greifen. Und wenn sie die letzten Jahre überblicken, wird ihnen kaum entgangen sein, daß sie "ihren" Unternehmen mehr Geld zur Verfügung stellen mußten, als sie an Dividendenzahlungen erhielten. Der deutsche Aktionär hat aus seinen sonstigen Einnahmen den Wiederaufbau und die Expansion der deutschen Industrie mitfinanziert – und damit die Arbeitsplätze der darin Beschäftigten gesichert.

Und der Lohn für dieses "Opfer"? Er liegt immer noch in der Zukunft. Die seit Jahren anhaltende Baisse an der Börse hat den Einsatz von Jahr zu Jahr entwertet. Der geduldig zahlende Aktionär durfte zwar erleben, daß "seine" Unternehmen ständig höhere Umsätze erzielten, daß aber die Gewinne diesen nicht zu folgen vermochten, vielfach sogar stagnierten, weil die Früchte der gestiegenen Geschäftstätigkeit und der Rationalisierung ständig von den höheren Kosten, insbesondere auf dem Personalgebiet, aufgezehrt wurden. Es gibt ernstzunehmende Anlageexperten, die davor warnen, der deutschen Industrie weitere junge Aktien abzunehmen, weil es keinem Unternehmen in einem ausgeschöpften Arbeitsmarkt auf die Dauer gelingen könne, Gewinne zu erwirtschaften, die dem Einsatz erhöhten Kapitals entsprechen würden.