Wenn – so wird argumentiert – in der Bundesrepublik die führenden Unternehmen viel häufiger Kapitalerhöhungen durchführen müssen als die gleich stark expandierenden amerikanischen Konzerne, so liege dies allein an der zu geringen Selbstfinanzierungsquote der deutschen Industrie. Tatsächlich werden wir uns daran gewöhnen müssen, die Selbstfinanzierung nicht als etwas "Unlauteres" anzusehen, sondern als etwas Notwendiges, das wir brauchen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe zu sichern, um die Arbeitsplätze und schließlich die Unternehmen auch als Steuerquelle zu erhalten.

Der deutsche Aktionär hat jahrelang Kapitalerhöhungen als "Geschenk" aufgefaßt. Wenn man die Börsenkurse und die Ausgabekurse der jungen Aktien ansah, schienen es auch solche zu sein. Aber sie sind es tatsächlich nur in Zeiten der Hausse. In der Baisse ist es umgekehrt. Wir leiden nicht mehr am Aktienmangel, sondern am Aktienüberfluß. Bringt heute eine Gesellschaft zusätzlich Aktien auf den Markt, muß der Kurs ihrer Papiere zwangsläufig fallen. Es ist deshalb nichts Überraschendes, wenn der Bayer-Kurs nach Bekanntwerden der Kapitalerhöhungsabsicht sofort unter Druck geriet.

Nun ist Bayer allerdings ein Sonderfall. Für die Börse findet hier seit gut zwei Jahren eine permanente Kapitalerhöhung statt. Unter Berücksichtigung der Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln mußten Aktien im Nennwert von rund 75 Millionen Mark – aus den USA zurückfließend – zu (allerdings gedrückten) Börsenkursen im deutschen Markt placiert werden. Jetzt sind noch für rund 12,6 Millionen Mark Nennwert "drüben", die bis auf einen kleinen Rest wohl nach und nach ebenfalls heimkehren werden.

Die Kapitalerhöhung bei Bayer verspricht alles andere als einfach zu werden. Der Umsatzanstieg von 10,3 Prozent in den ersten neun Monaten des Jahres 1966 gegenüber der Vergleichszeit des Vorjahres bei etwa gleichgebliebenem Reingewinn wird den kritischen Analysten nicht unbedingt als Empfehlung dienen. Sie werden auf die Farbwerke Hoechst verweisen, wo sich die Gewinnsituation besser entwickelt hat. Sicherlich, der Gewinn pro Aktie kann einmal stagnieren. Er kann auch einmal, zurückgehen, ohne daß man deshalb einem Unternehmen das Vertrauen entziehen muß. Aber der Aktionär hat ein Recht darauf, von der Verwaltung zu erfahren, wann wieder mit steigenden Gewinnen je Aktie zu rechnen sein wird. Umsatzrekorde mögen für die Wachstumsfetischisten eine großartige Sache sein, der Aktionär muß sich jedoch fragen, mit welchem Risiko sie erkauft worden sind und welcher Nutzen für ihn dabei herausspringen wird.

Er braucht sich beileibe nicht in höheren Dividenden zu zeigen. Ebenso wichtig ist, meine verehrten Leser, die Bildung offener Rücklagen. Leider sind die deutschen Bilanzen hinsichtlich der Ermittlung echter Gewinne alles andere als deutlich. Und auch die Angaben über den Gewinn je Aktie sind – soweit sie von den Verwaltungen gemacht werden – so lange mit Skepsis zu beurteilen, wie man nicht die Wege kennt, die zu dieser Ziffer geführt haben. Dringend notwendig ist es, daß sich Analysten und Verwaltungen über ein einheitliches System zur Errechnung des "echten" Gewinns einigen. Sonst besteht die Gefahr, daß mit dieser Ziffer schließlich Politik getrieben wird.

Zum Schluß zu den praktischen Fragen. Schon in früheren Gesprächen habe ich Ihnen geraten, junge VW-Aktien zu beziehen. Unter Abwägung aller Faktoren (überdurchschnittliche Gewinne pro Aktie, gefährlich hohe Exportquote, unterschiedliche Beurteilung der Absatzchancen der Automobilindustrie und unkonventionelle Zusammensetzung des Aktionärskreises) erscheinen die jungen VW-Aktien selbst bei einem Ausgabepreis von 225 Prozent nicht als zu teuer.

Über die Wandelanleihe der Farbwerke Hoechst wird zu sprechen sein, wenn die Konditionen vorliegen. Gleiches gilt für die jungen Aktien der Farbenfabriken Bayer. Nach meiner Ansicht besteht keine Veranlassung, VW-Aktien nicht zu zeichnen, weil man das vorhandene Geld nur einmal ausgeben kann.

Ihr Securius