Von Werner Höfer

Es ist die Ausnahme, obwohl es die Regel sein sollte: daß ein Farbiger, der einige Jahre lang unter Weißen gelebt und gelernt hat, in seine Heimat zurückkehrt, um dort zu leben und zu lehren. Dieses Exempel statuiert der Autor der provokanten Publikation "Farbige unter Weißen", der Inder Dr. Prodosh Aich. Sein Buch, das Ergebnis aus eigenen Erfahrungen und aus wissenschaftlichen Untersuchungen, machte aufmerksam auf die Diskrepanz zwischen den psychologischen und den praktischen Aspekten, zwischen der redlichen Absicht und der problematischen Wirklichkeit auf dem Gebiet intellektueller Entwicklungshilfe.

Prodosh Aich, 1934 in Kalkutta geboren und mit 21 Jahren nach Deutschland gekommen, wollte ursprünglich Bauingenieur werden, wendet sich dann aber der Soziologie zu, studierte an den Universitäten in Bonn und Köln und wurde erst Schüler, später Assistent des Kölner Soziologen René König. Wenn er jetzt, nach elf Jahren in der Bundesrepublik, mit seiner deutschen Frau nach Indien zurückkehrt, wird er an der Universität in Rajasthan in Jaipur über soziologische Fragen lesen.

Der junge indische Soziologe braucht nicht lange nach einer Antwort zu suchen auf die Frage, ob er an der Seite seiner Frau besonderen Problemen ausgesetzt sei und ob es im akademischen Milieu dem Farbigen anders ergehe als in einer weniger intellektuell geprägten Umgebung. Der Inder erinnert sich, daß Schwierigkeiten, wenn sie überhaupt je auftraten, für ihn an der Seite seiner Frau und wiederum besonders für seine Frau zusätzlich kompliziert wurden. Seine Frau sei nicht selten das Ziel von – bestenfalls – Neugier und – schlimmstenfalls – Mitleid gewesen. Ihn wiederum, obwohl er deutsch spricht wie ein Deutscher, habe man im Gespräch mit Deutschen nicht immer für mündig halten wollen, wenn seine Frau in der Nähe war; offenbar hätten manche Gesprächspartner, vielleicht in der besten Absicht, in seiner Frau nur eine Art Dolmetscherin sehen wollen.

Im akademischen Bereich habe er, ebenso wie andere farbige Kommilitonen, im letzten Jahrzehnt eine ermutigende Entwicklung erlebt. Zuerst habe man den farbigen Studenten einen Ausnahmestatus zugestanden; man habe eine Auge und ein Ohr zugedrückt bei Aufnahme und Prüfung. Inzwischen habe sich eine weitgehende Normalisierung vollzogen; der farbige Student werde mit der gleichen Elle gemessen wie sein weißer Nebenmann. Neuerdings mache sich aber ein umgekehrtes und nicht weniger verdrießliches Phänomen bemerkbar: Ein Farbiger werde zum Objekt staunender Bewunderung – wie sie früher exotischen Akrobaten bei der Völkerschau zuteil wurde –, wenn er auf wissenschaftlichem Gebiet seinen Kommilitonen oder Kollegen gewachsen oder, was in Ausnahmefällen nicht auszuschließen sei, sogar überlegen ist.

"So leiden Sie offenbar ebenso unter einem Übermaß an Rücksichtnahme, wie intelligente Juden durch Äußerungen von unartikuliertem Philosemitismus mehr irritiert werden als von Erscheinungen eines dezidierten Antisemitismus