Oberhausen

In dieser Woche wird in Oberhausen scharf geschossen. Zielscheibe: die Illustrierten. Die Scharfschützen nennen sich "Arbeitsgemeinschaft Illustrierte" und rekrutieren sich aus Mitgliedern des Evangelischen Zeitschriftenbeobachtungsdienstes, der katholischen "action 365" von Pater Leppich und des städtischen Jugendamtes.

Munition wurde für 5000 Mark bereitgestellt: 1000 Plakate und 50 000 Prospekte, die unter dem Slogan "Illustrierte, die Sie nicht verstecken müssen" für sechzehn von der Arbeitsgemeinschaft ausgewählte Zeitschriften werben, Diapositive für Kinos und 50 000 Flugblätter. Ihr Leiter, der evangelische Religionslehrer Klaus Koch, formuliert das Ziel seiner Scharfschützen: "Wir wollen auf Zeitschriften hinweisen, die ein Spiegelbild der Wirklichkeit des Lebens geben, dem journalistischen Prinzip der Wahrheit entsprechen und eine durchlaufend positive Tendenz haben."

Der pädagogische Eifer des jungen Religionslehrers täuscht freilich nicht darüber hinweg, daß sich die Illustriertenkritiker in ihren eigenen Fallstricken gefangen haben. Was und wen sie in ihrer Liste empfehlen, verwundert. Empfohlen wird die Frauenzeitschrift "Für Sie" mit ihrem "wirklichkeitsnahen Modeteil und mancherlei Lebenshilfe" (die Zeitschrift bietet unter der Überschrift "Prüfen Sie selbst, ob Sie eine versierte Nerzkäuferin sind" Nerzmäntel bis zu 29 000 Mark an). Die "Elegante Welt" befindet sich nach Meinung der Arbeitsgemeinschaft mit ihren Berichten über die High Society, Debütantinnenbälle oder den Rat der Sterne "in Übereinstimmung mit dem tatsächlichen Leben".

Natürlich wogen in den empfohlenen Zeitschriften auch weniger Busen, aber Lehrer Koch bestreitet energisch, daß dies ein besonderes Kriterium gewesen sei: "Wir wollen nicht, wie die Aktion ‚Sorge um Deutschland‘ sexuelle Grenzen ziehen, das ist nur ein Problem unter vielen. Ich habe nichts gegen Bikini-Mädchen, aber welches Gewicht sie haben, darauf kommt es an."

Zu viele gewichtige Bikini-Mädchen gibt es offenbar in den drei großen Illustrierten "Stern", "Quick", "Neue Illustrierte" ("Revue"); sie fehlen in der Empfehlungsliste. Die "Bunte" konnte sich dagegen mit "Hohenzollernliebe" und einer Geldfälscherreportage "Ohne schöne Mädchen geht es nicht" als "Familienzeitschrift" qualifizieren.

Fataler als das fragwürdige Beurteilungssystem muß für die wackeren Oberhausener Streiter indessen die Uneinigkeit in den eigenen Reihen über das Thema "Illustrierte" sein. Mag man beispielsweise die unterschiedliche Bewertung von "Hör zu" (Evangelischer Zeitschriftenbeobachtungsdienst: überwiegend positiv – Katholische Arbeitsstelle für Zeitschriftenberatung: schwerwiegende Bedenken) noch als Panne bezeichnen, so rühren die Feststellungen in der Septemberausgabe des Katholischen Zeitschriftendienstes schon an die Grundfesten der Oberhausener Aktion: "Im allgemeinen haben die Illustrierten doch ihre Hand recht genau am Puls des Lesers. Sie verführen nämlich ihre Opfer nicht; sie entsprechen ihnen, ihren Wünschen und ihren Bedürfnissen ... Wer von der Niveaulosigkeit der Illustrierten spricht, muß auch von der Niveaulosigkeit ihrer Leser sprechen." Und auf einer Tagung für Mitarbeiter des Evangelischen Zeitschriftenbeobachtungsdienstes es in Bad Godesberg wurde der Spieß sogar umgedreht: "Der Illustrierten-Sex findet deshalb bei den Lesern ein so großes Echo und Interesse, weil viele Menschen und gerade zahllose Jugendliche auf Liebe und Ehe nicht vorbereitet sind. In dieses Vakuum dringen die Illustrierten ein. Also sollten Erzieher, Eltern, Schule und Kirche in richtiger Erkenntnis der Zusammenhänge durch eine richtige geschlechtliche Erziehung den gefährlichen Aufklärungsrückstand beseitigen."