Von Ursula Voss

Mit den ersten herbstlichen Schauern beginnt es sich in Madrids gesellschaftlichem und kulturellem Leben wieder zu regen: Die Politiker sind dann aus ihrer Sommerresidenz San Sebastian zurückgekehrt und die Schauspieltruppen von ihren Tourneen durch die Provinz.

Gleich zwei Höhepunkte brachte in diesem Jahr der beginnende Herbst mit sich. Madrids beste Gesellschaft zelebrierte am 13. Oktober zu den Klängen von Beethovens Neunter die Wiedereröffnung der seit 1925 geschlossenen Oper, die in Zukunft als Konzertsaal, dienen wird. Eine Woche vorher hatten sich Kritiker, und Intellektuelle im "Teatro De Bellas Artes" eingefunden, um. einen Festakt ganz anderen Stils zu begehen: Man feierte die Uraufführung Brechts in Spanien. "Mutter Courage und ihre Kinder" ist das große künstlerische Ereignis derdiesjährigen Madrider Theatersaison.

Lange genug müßte Spanien, auf dieses Ereignis warten. Zwar trug sich José Tamayo, Spaniens renommiertester Regisseur, schon während seiner Tätigkeit als Direktor des "Teatro Español" mit dem Gedanken einer Inszenierung dieses Brecht-Stückes und hatte bereits vor fünf Jahren den jungen spanischen Dramatiker Antonio Buero Vallejo mit einer Übersetzung beauftragt. Aber Schwierigkeiten mit der Zensur und später Krankheit des Regisseurs verhinderten eine Realisierung des Vorhabens.

Im Jahre 1961 durfte Brecht nur in Werkstatt-Theatern gespielt werden oder in privaten Theaterzirkeln vor eingetragenen Mitgliedern. Es war damals kein viel Erfolg versprechendes Unternehmen, "diesen Kommunisten" für den Spielplan des subventionierten, fast ausschließlich den spanischen Klassikern vorbehaltenen Staatstheaters vorzuschlagen.

Genehmigt wurde die Aufführung von der Zensur vor drei Jahren, nachdem Tamayo sein eigenes Theater gegründet hatte, eben das "Teatro De Bellas Artes", in dem am 6. Oktober die Premiere von "Mutter Courage" stattfand.

Theaterbesucher, die sich vorher mit dem Werk vertraut machen möchten, haben es hier schwer, ein Exemplar aufzutreiben, denn obwohl Brechts Theorien heute in Spanien genauso heftig diskutiert werden wie in anderen Ländern, existiert bisher nur von der "Dreigroschenoper" eine spanische Ausgabe. Bis zur Publikation von Buero Vallejos Übersetzung der "Courage" wird man sich weiterhin mit einer zweitklassigen südamerikanischen Übertragung behelfen müssen.