Hermann Langbein: Der Auschwitz-Prozeß. 2 Bände, 1000 Seiten, 16 Bildtafeln. Europa-Verlag, Wien; 60,– DM.

Das eine steht außer jedem Zweifel: Was zwanzig Monate lang, vom Dezember 1963 bis zum August 1965, in Frankfurt verhandelt wurde: der Auschwitzer Massenmord, wird einzigartig bleiben in der deutschen Justizgeschichte. Es war nicht nur ihr längster Prozeß; es war auch der schwierigste und schwerste Prozeß eines deutschen Schwurgerichtes. Schwierig im juristischen Sinne; denn wie läßt sich ein Millionenmord in Paragraphen zwängen? Schwer in menschlichem Betracht; denn welche Vorstellungskraft reicht hin, die Bestialität zu begreifen, die in Auschwitz jahrelang alltäglich war? Senatspräsident Hans Hofmeyer, dem Vorsitzenden des Frankfurter Tribunals, stockte die Stimme, als er in seiner Urteilsbegründung sagte: "Zwanzig Monate lang haben wir im Geist nochmals alle Leiden und all die Qualen erlebt, die die Menschen dort erlitten haben und die mit Auschwitz auf immer verbunden bleiben. Es wird wohl mancher unter uns sein, der auf längere Zeit nicht mehr in die frohen und gläubigen Augen eines Kindes sehen kann, ohne daß ihm im Geist die angsterfüllten Augen der Kinder auftauchen, die in Auschwitz den letzten Weg gegangen sind."

Kein richterlicher Urteilsspruch kann dafür angemessen, "gerecht" sein – ob für den, der mit eigner Hand folterte und tötete; ob für den, der das Gift in die Gaskammern schüttete oder Tausende mit einer lässigen Handbewegung in den Tod schickte. Und kein Richter, kein Geschworener, kein Ankläger, kein Verteidiger, keiner, der nicht in Auschwitz war, vermag auch nur von ferne zu ermessen, wie dort gelitten und gestorben wurde – millionenfach, millionenmal ein einzelner Mensch, eine Greisin, ein Kind, eine junge Frau, ihr Mann. Menschliche Phantasie kann es nicht erfassen, wird es niemals als etwas, das tatsächlich geschah, sich vorstellen können.

Das Urteil im "Namen des Volkes" aber ist nun gesprochen, wenngleich es für 17 der 20 Angeklagten dieses ersten Auschwitz-Prozesses noch nicht rechtskräftig ist. Was dort vom Gericht, von der Staatsanwaltschaft, der Nebenklage, der Verteidigung, den Schuldigen und den Zeugen zur Verhandlung gebracht wurde, ist in Hermann Langbeins zweibändiger Dokumentation nachzulesen. Es ist eine mustergültige Darstellung in Form und Stil. Der Verfasser, der diesen Prozeß durch eine Anzeige überhaupt erst in Gang setzte und als Mithäftling in den Zeugenstand gerufen wurde, wohnte den Verhandlungen, mit einer kurzen Unterbrechung, vom Beginn bis zum Ende bei. Er führte wie kein zweiter ein genaues, wörtliches Protokoll der zwanzig Monate.

Die Form: Langbein stellte zu einzelnen Stichworten – die Angeklagten, die Lagerabteilungen, die Zeugen, das Urteil – aus dem überquellenden Prozeßmaterial die wichtigsten Aussagen und Erklärungen so zusammen, daß sich einmal eine Chronologie dieses Verfahrens ergab, zum anderen eine Geschichte von Auschwitz. Dabei blieben Details, etwa der Prozeßführung, der gelegentlichen Auseinandersetzungen mit den Angeklagten und Verteidigern ebenso erhalten wie die Erlebnisberichte einzelner Zeugen. Langbeins konsequente Methode der Auswahl und Synthese ist beispielhaft und übertrifft alle ähnlichen Veröffentlichungen von Gerichtsakten.

Sein Stil: Nirgendwo auf den tausend Seiten seiner Dokumentation verläßt der Autor den Standort des leidenschaftslosen, kühlen Beobachters, obwohl er selber einer der Beteiligten war. Seine eingestreuten Kommentare bewahren sachliche Distanz – zu den haarsträubenden Unschuldsbeteuerungen mancher Angeklagten, zu den gelegentlichen Entgleisungen einiger Verteidiger, den Fehlern der Staatsanwälte und zu dem speziellen Strafmaß.

Nur in einem Punkt ist Langbein energisch zu widersprechen. Er behauptet, dieser Auschwitz-Prozeß habe vor allem einen zeitgeschichtlichen, weniger einen juristischen Wert. So zweifelhaft in diesem ungewöhnlichen Fall jede Strafe ist, so mangelhaft hier auch ein gerechtes Urteil sein mag – dieses Verfahren wird dennoch in die Geschichte deutscher Prozesse eingehen: Die Führung der Verhandlung und die Urteilsfindung haben für spätere Verfahren ein Vorbild geliefert. Dieser Prozeß gab, allen berechtigten Einwänden zum Trotz, ein nachahmenswertes Modell ab. Daß er, was nicht seine Aufgabe war, die Geschichte von Auschwitz ans Tageslicht brachte und damit zugleich ein Stück deutscher Vergangenheit, machte ihn freilich auch für den Zeithistoriker wertvoll. Die Ereignisse, die vor den Schranken des Frankfurter Schwurgerichts zur Sprache kamen und dort zum erstenmal in solcher Fülle aktenkundig wurden, sind von nun an in gleichem Maße geschichtsnotorisch. Dieses Gericht hat sich um die Nation verdient gemacht. Hermann Langbein ist es zu danken, daß er das in einem authentischen Protokoll belegte.

Dietrich Strothmann