Frankfurt, Ende Oktober

Aus den Lautsprechern klang es über den Platz vor dem Römer: "But my friend, the ansvier is blowing in the wind." Es war der Protest-Hit Nr. 1. Über die Köpfe der 20 000 Menschen, die sich auf Frankfurts Rathausplatz drängten, wurden Transparente hochgehalten: "Wehret den Anfängen" – "Nie wieder 1933" – "Der Faschismus führte zu 1945 und zur Teilung Deutschlands". Direkt vor der Tribüne war ein Plakat aufgestellt. Es zeigte den Bundeskanzler, als "Männeken Pis"; Zielscheibe seiner Verrichtung war das Bonner Grundgesetz. Der Kongreß "Notstand der Demokratie" hielt seine Kundgebung ab.

Vor den Mikrophonen, umlagert von Photographen, stand ein mittelgroßer, weißhaariger Mann. Den Kragen seines Mantels hatte er hochgeschlagen. Es war kalt an diesem Sonntagnachmittag. Mit fester Stimme und scharfer Betonung begann er: "Wir kommen zusammen, um den Anfängen zu wehren." Der erste Beifall schlug ihm entgegen, als er ausrief: "Hier kann auch Wehner nicht beruhigen, nicht abwarten und den bisher üblichen Tee trinken." Zustimmung erntete er mit dem Satz: "Die wirkliche Macht könnte schließlich merken, daß mit Neu-Faschisten im Bunde noch solidere Geschäfte zu machen wären; der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch, sang Brecht." Und wieder applaudierte ihm die Menge bei seiner Frage: "Hegel sagte einmal, das einzige, was aus der Geschichte gelernt werden könne, sei, daß man nie etwas aus ihr gelernt hat; soll das auch jetzt so bleiben?"

Es war ein historischer Augenblick in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Zum erstenmal seit seiner Flucht aus der DDR war Ernst Bloch, der marxistische Philosoph, aus seiner Studierstube auf den Marktplatz der Öffentlichkeit getreten, um sich politisch zu engagieren. Ein gelehrter, älterer Herr, geprägt von der Unerschrockenheit eines großen Denkers, stand auf der Straße, um die Demokratie zu verteidigen.

Ihm folgte ein junger Mann von beinahe spitzbübischem Aussehen. Er begann so: "Leben wir in einer Bananen-Republik? Werden wir von Gorillas regiert? Liegt Bonn in Haiti, oder in Portugal?" Und er geißelte den "Clan, der da noch in der Agonie nach Ermächtigungsgesetzen schreit, was da im Bunker hockt und probt, beim Essenfassen, die Abschaffung der Demokratie, was sich da verkrochen hat, um unter der Erde einen Skat zu dreschen und mobil zu machen". Er warf den "politischen Bunkerleichen" vor, daß sie Angst hätten "vor der Intelligenz, vor der Wissenschaft, vor allem, was nicht aus der Zwergschule kommt, und zwar mit Recht". Sein Spottvers endete: "Die Republik, die wir haben, wird noch benötigt. Wenn man uns fragt, und wenn man uns nicht fragt, erst recht: Eine Bananen-Republik lassen wir aus diesem Land nicht machen." Der Name des munteren Streiters: Hans Magnus Enzensberger.

Seit sich die Gegner der Notstandsplanung vor über einem Jahr in Bonn zum ersten Male zum Protest versammelten, haben sie berühmte Einzelgänger und Massen dazu gewonnen. Was anfangs noch als eine Schar unentwegter, aber unbedeutender Querköpfe aus purer Anti-Gesinnung erscheinen mochte, trat in Frankfurt in der geordneten Formation einer Bewegung auf. Sie ist dabei, zu einer respektablen Bürgermacht zu werden, die in Bonn nicht mehr als ein Verein eifernder Nörgler belächelt werden kann.

Auch Herbert Wehner und Ludwig Rosenberg, die wiederum die Teilnahme ihrer Organisationen an der Protestversammlung ablehnten, werden es auf die Dauer kaum verhindern können, daß dem Kongreß Mitglieder aus ihren Reihen zuströmen. Die Phalanx der Gegner ist ohnehin durchbrochen: In Frankfurt waren SPD-Abgeordnete (wenn auch vor allem "Abweichler" vom Parteibezirk Hessen-Süd) und sechs der 16 Einzelgewerkschaften (darunter als Geldgeber. Otto Brenners IG Metall) dabei.