Von Peter Urban

Stanislaw Ignacy Witkiewicz – dieser Namewar bis vor wenigen Jahren in Deutschland gänzlich unbekannt. Weder die Anthologie "Polen erzählt" von Hagenau (1961) noch die "16 polnischen Erzähler" von Reich-Ranicki (1962) schienen von Witkiewicz, einem der originellsten polnischen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, zu wissen. Nun war Witkiewicz auch in Polen nach 1945 verschollen; aus bekannten Gründen erinnerte man sich seiner erst nach 1956. Aufmerksam geworden durch interessante Erscheinungen in der jüngeren und jungen polnischen Prosa – Gombrowicz zum Beispiel –, zogen deutsche Verlage nach.

Soviel muß man wissen, um sich ärgern zu können bei der Lektüre des Gombrowicz-Nachworts zur deutschen Ausgabe des Romans

Stanislaw Ignacy Witkiewicz: "Unersättlichkeit", aus dem Polnischen von Walter Tiel; R. Piper & Co Verlag, München; 596 Seiten, 28,– DM.

Dieses Nachwort hätte ein Autor wie Gombrowicz wahrlich nicht nötig gehabt. Auf der einen Seite will Gombrowicz neben Witkacy ("So nannten wir ihn" – wir, seine Freunde) stehen und züchtet einen kleinen Mythos heran – "unser drei" (der dritte: Bruno Schulz). Gleich am Anfang jedoch heißt es: "Aber ich weiß ja nichts. Ich bin kein Kenner von Witkacy. Nicht einmal sein besonders gieriger Leser. Auch waren wir nicht miteinander befreundet damals in Polen." Auf der anderen Seite muß sich der besorgte Gombrowicz unliebsamer Konkurrenz erwehren und "mit Verwunderung die wachsende Woge des Interesses an diesem Schriftsteller" beobachten. Freilich, Witkacy wird kurz gelobt, dreimal, mit drei Phrasen: "eine sehr starke Persönlichkeit", "ein glänzender Geist", "ein Künstler von hervorragenden Talenten", der – das müsse man zugeben– seiner Zeit voraus war, aber er war eben "mit einer Perversion oder Manier behaftet, was ihn ... eher abschreckend als anziehend machte". Mehr noch, Gombrowicz muß ihn des "Zynismus" zeihen (dieses ewige Wühlen im Negativen), um zum Schluß auf nichts weiter zu kommen als auf ein aufgeschnapptes Schimpfwort: Witkacy – ein "genialer Graphoman". Dieses Epitheton hat Witkiewicz seinerzeit pariert: "‚Genialer Graphoman‘ – das ist so sinnvoll wie: Quadratischer Kreis’, vielleicht noch sinnloser." (Und der Text, in dem sich Witkiewicz mit allerlei Vorwürfen dieser Art auseinandersetzte, ist ebenfalls in der Piper-Ausgabe enthalten.)

Wieso man sich im Hause Piper zum Druck von Gombrowicz’ Schmähschrift entschlossen hat, weiß ich nicht. Sollte sie den Leser für Witkiewicz erwärmen? Wenn das die Absicht war, gut. Gombrowicz Absicht war eine andere, und daß man sie so deutlich merkt, ist kaum zu verzeihen. Man spürt die Absicht, wenn da von einem Nicht-Kenner der Dramatiker Witkiewicz getrennt wird vom Romancier Witkacy, der ein "Graphoman" gewesen sei. Man spürt sie freilich am deutlichsten, wenn man Witkacys "Unersättlichkeit" selbst liest und eine nicht unbeträchtliche Nähe zu Gombrowicz’ eigenen – späteren – Arbeiten konstatieren muß.

Ziemlich zu Anfang hat der Romanheld Genezyp (Zypcio) folgendes Erlebnis: "Die Welt schien zu bersten vor endgültiger Unersättlichkeit. In Fetzen gingen ‚Stücke der Seele‘, die der flammende Wirbel des mit knabenhaftem Hirn vermischten Alkohols in unbekannte Gegenden verstreute. In einem bestimmten Augenblick stand Zypcio auf, lief wie ein Automat aus dem Zimmer, zog sich an und rannte aus dem Palais. Es war höchste Zeit. Er kotzte fürchterlich." Zahllose Zitate ließen sich heranziehen, auch Begriffe wie "metaphysischer Nachttopf" oder ein "bestialisches und dabei subtiles Gelächter", um zu zeigen, daß es bei Witkacy um eine Art der Ironie geht, die aus Erzählungen und Romanen Gombrowicz’ bekannt ist.